Humoresken in der Musik

Keine Toren, nur Tollheit

Robert Schumann übernimmt als erster den Begriff "Humoreske" aus der Literatur. Sein Klavierstück op. 20 und eines seiner Fantasiestücke für Klaviertrio nennt er "Humoreske", wobei ihm dabei eine besondere "romantische" Bedeutung von Humor vorschwebt.

Robert Schumanns Humoreske opus 20 im Vergleich

"Für den Humor, die humoristische Betrachtung der Welt gibt es keine Toren, sondern nur Torheit und eine tolle Welt", so schreibt Jean Paul, der wichtigste Vertreter der literarischen Gattung "Humoreske" und vor allem der erste, der sich theoretisch zum literarischen Humor äußerte. Als Humoreske beschrieben die Literaten ausgehend von Jean Paul kurze Erzählungen, denen eine besonders heitere, versöhnliche Betrachtungsweise der Welt zu eigen ist.

Der belesene Schumann, der sicherlich die Humoresken eines Jean Paul kannte, komponierte 1838 mit 28 Jahren seine Humoreske opus 20. Humoresken seien nicht einfach witzig, schrieb Schumann damals, eine Humoreske sei vielmehr eine "glückliche Verschmelzung von Witz und Schwärmerei".

Gegensätze

Schwärmerei und Witz, Lachen und Weinen, Gegensätze, die aufeinanderprallen, aber keine Abgründe, alles ein bisschen aus gelassener Distanz - das ist die Stimmung der Humoreske.

"Die ganze Woche saß ich am Klavier und komponierte, und schrieb und lachte und weinte durcheinander, dies alles findest du schön abgemalt in meinem Opus 20, der Humoreske", schreibt Schumann in einem seiner vielen Briefe an Clara Wieck 1839, ein Jahr vor ihrer Vermählung. Und dieses Opus 20 enthält wirklich bemerkenswerte Stimmungsschwankungen, die schon in den Überschriften Schumanns sichtbar werden: "einfach - sehr rasch und leicht - hastig - einfach und zart" und so weiter.

Leicht oder absonderlich

Vergleicht man die Interpretationen von Schumanns Humoreske Opus 20 fällt ein grundsätzlicher Unterschied der Spielweisen auf (interessanterweise findet sich derselbe Unterschied auch bei anderen Humoresken): Die einen nehmen diese Musik als leichtes, heiteres Ereignis, betonen die Distanz, das Nicht-Schwere, Nicht-Dramatische. Die anderen tragen der Jean-Paul'schen "Tollheit" Rechnung, akzentuieren, überraschen, lassen eine bizarre Welt entstehen.

Der französische Pianist Philippe Cassard zum Beispiel gehört zur ersten Gruppe der Interpreten. Lässig, leicht, fast wie galante Salonmusik klingt bei ihm Schumanns Humoreske. Bei Vladimir Horowitz überwiegt der Witz, mit starken Akzenten betont er das Ungehobelte, Verrückte dieser Passage). Auch Sviatoslav Richter - sonst nicht wie Horowitz für eine exzentrische Spielweise bekannt - versteht Schumanns Humoreske als ein unberechenbares, verrücktes Aufeinanderprallen von Gegensätzen. Sein Tempo ist deutlich schneller als das von Horowitz, wodurch alles noch unruhiger und gehetzter wirkt - man wird erinnert an Jean Pauls Ausdruck: Es gibt keine Toren sondern nur Torheit, eine tolle Welt.

Hör-Tipp
Abenteuer Interpretation, Mittwoch, 3. März 2010, 15:05 Uhr

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