Ich bin schon nicht mehr hier

Jeden Tag ein Gedicht, war Theodor Kramers Maxime. Daniela Kletzke gibt, basierend auf Gedichten, Briefen, Notizen und fiktiven Elementen, einen Einblick in das Leben des Lyrikers im Wien des Jahres 1938 bis zur Flucht nach England.

Alltag in Wien, März 1938

Schön sind Blatt und Beer
und zu sagen wär
von der Kindheit viel und viel vom Wind;
doch ich bin nicht hier,
und was spricht aus mir,
steht für die, die ohne Stimme sind.


So lautet die Inschrift auf der Gedenktafel für Theodor Kramer in der Leopoldstadt, Am Tabor. Geboren wurde Kramer am 1. Jänner 1897 als Sohn eines jüdischen Dorfarztes in der Gegend von Hollabrunn, Niederösterreich. Seine Schulzeit und seine Anfangsjahre als Student, Beamter, Büchervertreter verbrachte er in Wien, wo er ab 1931 als freier Schriftsteller wirkte.

Themen aus dem Alltagsleben

Jeden Tag ein Gedicht, war seine Maxime. Und Kramer schrieb ausschließlich Lyrik, Lyrik mit der er in den 1930er Jahren durchaus sehr erfolgreich war und im gesamten deutschen Sprachraum einige Berühmtheit erlangte. Immerhin nannte ihn Thomas Mann einst "einen der größten Dichter der jüngeren Generation". Stefan Zweig und Carl Zuckmayer förderten sein Schaffen.

Literarisch orientierte sich Kramer unter anderem an dem großen Bertolt Brecht. Die Themen, die er in seinen Gedichten behandelte, kamen oftmals aus dem einfachen, alltäglichen Leben, waren kurze und präzise beobachtete Momente. Der Jude und Sozialist Theodor Kramer tauchte dafür in die Milieus diverser Außenseiter ein: Ihn interessierten die Knechte, die Proletarier, Huren, Landstreicher und ihre jeweiligen Lebenswelten. Aber er schrieb auch über sich selbst, seine Eindrücke, seine Gefühle. Oftmals selbstironisch, oftmals sehr sentimental, oftmals auch alkoholschwanger. Seine Werke, vielfach einfach Miniaturen, erschienen in renommierten Zeitschriften zwischen Wien, Prag, Berlin, sie wurden im Rundfunk gelesen und erreichten so eine breite Öffentlichkeit.

Leben im Untergrund

Anfang bis Mitte der 1930er Jahre durchlebte Kramer ebenso bewegte wie erfolgreiche Jahre, privat wie künstlerisch. Die Zäsur kam, wie bei so vielen anderen Großen des österreichischen Kultur-, Wissenschafts- und Geisteslebens, mit dem Jahr 1938 und dem Verschwinden Österreichs von der politischen Landkarte. Der Dichter wurde mit Berufsverbot bedacht, seine politischen Tätigkeiten argwöhnisch beäugt, er lebte quasi im Untergrund.

Daniela Kletzkes Text hakt hier ein: Sie schildert den allmählichen Verfall, den ein in der Welt der Literatur Geschätzter, ein Lebemann, ein genauer Beobachter und wortgewaltiger und treffsicherer Lyriker in dieser Zeit genommen hat. Die Spannungen mit seiner Ehefrau werden immer größer: Sie erkennt die Gefahr des Faschismus, er erscheint etwas weniger weitsichtig. Sie drängt, das Land schleunigst zu verlassen, er durchlebt eine Art Apathie, Laissez-faire. Dennoch geht das Leben und die zunehmende Bedrängung von Leuten seines Schlags - Juden, aufrechte Sozialisten und Linke - nicht gänzlich spurlos an ihm vorbei. Im Gegenteil, Theodor Kramer schreibt Schlafgedichte, um die Situation für sich zu beruhigen und sich einen - vermeintlichen - Handlungsspielraum zu schaffen.

Und er beschreibt diese, seine Situation durchaus treffend mit den Zeilen: "So gewaltig ist nichts, und nichts lässt so nicht ruhn, wie die Angst, die den Menschen befällt, wenn es ihm nicht erlaubt ist, sein Tagwerk zu tun, und er gar nichts mehr gilt auf der Welt ..." Aus diesem Zitat spricht die tiefe Verzweiflung eines Menschen, der langsam erkennt, dass er seine eigene Haut retten muss.

Späte Rückkehr

Erst 1939 "reist" seine Frau nach London aus, Kramer folgt ihr etwas später und unter größten Schwierigkeiten; einen Großteil seiner Schriften muss er zurücklassen. Zunächst von den Briten interniert, gelingt es ihm schließlich, in Guildford eine Anstellung als College-Bibliothekar zu finden. Bis 1957 bleibt er dem College in dieser Funktion verpflichtet. Erst in seinem letzten Lebensjahr kehrt Theodor Kramer, bereits krank und vereinsamt, in seine Heimatstadt Wien zurück, wo er kurz vor seinem Tod, 1958, den "Literaturpreis der Stadt Wien" erhält.

Sein Werk ist hierzulande nach 18 Jahren Emigration allerdings bereits in Vergessenheit geraten - umso erstaunlicher, als Kramer immerhin im Vorstand des Exil-P.E.N-Clubs gesessen und in engem Kontakt zu literarischen Schwergewichten wie Elias Canetti, Hilde Spiel und Erich Fried gestanden ist. Erst seit Ende der 1970er Jahre gelangte Theodor Kramer wieder ins literarische Bewusstsein, als einige seiner Gedichte vertont wurden.

Erinnerung an Schaffen und Leben
Seit 2001 verleiht die "Theodor Kramer Gesellschaft" den "Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil". Erste Preisträgerin war Stella Rotenberg. Daneben erinnert die seit dem Schuljahr 2003/04 in der Unterstufe als Kooperative Mittelschule (einem Schulmodell, das versucht, eine zu frühe Selektion von "noch nicht AHS-reifen" Kindern hintanzuhalten und den Kinder Chancen zu geben) geführte "Theodor Kramer Schule" im 22. Wiener Gemeindebezirk an den Schriftsteller, ebenso die gleichnamige Straße, in der die Schule liegt.

Der Grandseigneur des deutschsprachigen Hörspiels, Götz Fritsch, hat mit Peter Simonischek in der Hauptrolle und Gerti Drassl, Beatrice Frey, Brigitte Karner sowie Wolfram Berger und Steve Crilley in einer Nebenrolle, seine Inszenierung dieses Textes sehr prominent besetzt. Er hat mit seiner auf jegliche Effekthascherei verzichtenden Regie einen sehr tiefen und beeindruckenden Einblick in das Schaffen und Leben Theodor Kramers vorgelegt.

Zur Autorin

Daniela Kletzke wurde 1969 in Krefeld im Ruhrgebiet geboren. Sie studierte Slawistik und Anglistik unter anderem in Moskau und Cambridge und arbeitete lange Zeit als Regieassistentin. 2004 gab sie mit "Die Verschickung" auf radio bremen ihr Regiedebut. Sie beschäftigt sich in diesem Stück mit den Deportationen der Esten nach Sibirien in der Stalin-Ära. Daniela Kletzke arbeitet als freie Autorin und Regisseurin.

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