Die Welt der Magda Woitzuck

Vom Fehlen des Meeres auf dem Lande

Mit kleinen Kaleidoskopen hat Magda Woitzuck die Lust am Schreiben entdeckt, inzwischen blickt sie auf einige Veröffentlichungen zurück. Die Texte der Sechsundzwanzigjährigen sind intensiv, voll Witz und Raffinesse und berühren mit starken Bildern.

Magda Woitzuck, geboren 1983 in Niederösterreich, schreibt, seit sie Kind war. Kleine Geschichten. Vorerst unbemerkt, denken sich in dem jungen Kopf bereits scheinbare Harmlosigkeiten, die sich zuweilen monströs auswachsen, sehnsüchtig und poetisch.

Sie wächst auf einem Biobauernhof mit viel Land und Getier auf. Eine Idylle? Der Vater, Kälte- und Wärmetechniker, eigentlich nicht wirklich Bauer, hatte Jahre als Schiffsoffizier auf See verbracht. Jetzt versucht er seine Ideen und weltumsegelnden Fantasien in der Landgestaltung, Landwirtschaft und Tierzucht umzusetzen. Seine Frau, die es von Polen nach Wien verschlagen hatte, treibt es direkt vom Studium in das Abenteuer Biohof Berging bei Neulengbach. Ein überaus geselliges Haus. Freunde, Künstler, Intellektuelle wider Willen, Theatermacher, Musiker, Nachbarn. Diskussionen bis in den nächsten Morgen, Feste der archaischen Art und viel nüchterne Arbeit. Das ist das Biotop, in dem Magda und die beiden jüngeren Geschwister Rafael und Aga aufwachsen.

Bald fallen die kleinen Kaleidoskope der eher schweigsamen Magda auf. Zum Beispiel die Katze Lorenz.

Kurz, bevor das Tageslicht verstarb, erwachte Lorenz durch schwere Schritte, ein Mann dessen Augen selbst bei Nacht alles sahen, kam in den Garten. Mit großen, ausholenden Schritten folgte er seinem Ziel, der Eingangstüre. Der alte Mann, der das Meer besiegt hatte, trat ein, schloss damit die einzige Öffnung zur Zeit, die es an manchen Tagen nicht gab, hier an diesem Ort. Der Wein von gestern wurde heute von neuem getrunken, die Gespräche von gestern neu erfunden, so als hätte es sie nie gegeben ... In dem Haus, in dieser rauchigen, zeitlosen Höhle, wusste Lorenz, dass man nur mit einem kleinen Kopf in der Lage war, die große Welt zu verstehen.

Die Lust am Schreiben

Magda ist vierzehn. Sie bekommt Lust am Schreiben. Ihre Quellen sind die Natur, damit eng verbunden Geburt und Tod und ihr eigenes Frau-Werden. Alltäglichkeiten, wie der Kontrollbesuch des Tierarztes bei der Mutter und Hüterin des Biofleisches lesen sich bei ihr so:

Mit dem Handballen wischt sie sich eine Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht, der Arzt schreibt auf der Motorhaube seines Autos eine Bestätigung aus. "Herr Doktor", fragt sie schließlich unschuldig mit am Rücken verschränkten Armen, "wie nennt man das eigentlich, was Sie da grad gemacht haben?" die Brustwarzen malen kleine Gipfel in die Ebene ihres Tops, die übereinander gekreuzten Beine, die Abzeichnung der Hüftknochen, knapp über den Bund des Röckchens, wieder eine Fliege, jetzt am Unterarm. Er steigt ins Auto, kurbelt das Fenster runter und sieht sie von oben bis unten an, nur kurz, aber jedes Detail registrierend. "Fleischbeschau" sagt er und startet den Wagen.

Bald folgen Lesungen und Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften (DUM, etcetera, keine delikatessen) und Anthologien wie Milo Dors "Angekommen. Texte nach Wien zugereister Autorinnen und Autoren" im Picus Verlag (2005). Beiträge in "Junge Literatur" und "In vollen Zügen" (beide Edition Aramo) folgen. Zuletzt "Brot und Wein" und "Das Dorf der Zukunft" (Literatur aus Niederösterreich).

Durch monatelange Reisen in Australien, Argentinien und Polen eröffnen sich Magda Woitzuck Sprachen und neue Blicke. Vor dem Hans Weigel-Stipendium für 2008/2009 war ihr das Aufenthalts- und Arbeitsstipendium des Landes Niederösterreich für Slowenien 2005 zugesprochen worden.

An die Grenzen unserer Fantasie

Die Autorin ist unter anderem vier Mal mit dem Award4You der Kremser Bank ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Literaturpreis des Forum Land Niederösterreich in der Kategorie Prosa 2006. Ihr Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Wien schließt sie gerade ab.

"Doggod" ist Magda Woitzucks erstes Hörspiel. Das erstaunliche Debüt einer Sechsundzwanzigjährigen. Eine Geschichte mit Witz und Raffinesse, die aus der Realität abhebt zu den Grenzen unserer Fantasie, ein Kreislauf, der sich womöglich schließt.

Hör-Tipp
Hörspiel-Studio, Dienstag, 22. Dezember 2009, 21:01 Uhr