Die Frau mit den 5 Elefanten

Literarische Übersetzer führen meist ein Schattendasein. Jetzt versucht eine Dokumentation dieses Manko zu beheben. Der Film mit dem kryptischen Titel "Die Frau mit den 5 Elefanten" nimmt sich dabei eine der aufsehenerregendsten Persönlichkeiten der Übersetzerszene vor.

Kulturjournal, 17.05.2010

Es handelt sich um Swetlana Geier, die sich durch ihre Neuübersetzungen der großen Romane Dostojewskijs einen Namen gemacht hat.

Diese fünf Klassiker, von den "Brüdern Karamasow" bis "Verbrechen und Strafe", im Film einmal lapidar als die fünf Elefanten bezeichnet, erklären auch den Titel. Am Freitag, 14. Mai 2010 gab es die Premiere im Wiener Gartenbaukino, zu der auch Regisseur Vadim Jendreyko erschien.

Übersetzung wird diktiert

Die kleine, gebückte Frau, die da auf dem Marktplatz von Freiburg ihre Einkäufe erledigt, ist Mitte Achtzig. Keiner würde hinter ihr die bedeutendste Dostojewskij-Übersetzerin der letzte Jahrzehnte vermuten. Doch mit hellwachem Blick und klarer Stimme erzählt sie gleich darauf von ihrer Liebe zur russischen Literatur und dem Besonderen ihrer Arbeitsweise. So schreibt sie ihre Übersetzung nicht selbst nieder, sondern diktiert sie einer alten Freundin direkt aus dem Buch.

"Am Abend zuvor habe ich immer ein Stück vorbereitet. Das Buch ist dann schon gelernt und die großen Konstruktionslinien, die liegen schon bloß. Ich weiß, was auf jeder Seite steht und wie das so geht", erklärt Swetlana Geier ihre Methode im Film.

In einem zweiten Arbeitsschritt liest ihr ein anderer Freund, ein pensionierter Musiker, diesen Entwurf vor und diskutiert ihn mit ihr. Da können die Meinungen mitunter scharf aufeinander prallen.

Behutsame Annäherung

Völlig unbefangen verhält sich Swetlana Geier vor der Kamera. Eine Intimität steckt in jeder Szene, die kaum glauben lässt, dass da ein ganzes Filmteam im Raum gewesen sein soll. Das war nicht von Anfang an so, erzählt Regisseur Vadim Jendreyko. Tatsächlich dauerte es ein halbes Jahr, bis er auch nur ein erstes Foto von ihr machen konnte.

Danach zählten Jendreyko und seine Mitarbeiter jedoch zur vertrauten Umgebung, wie der Fegisseur erzählt: "Es gab diese lustige Szene, da hat unser Kameramann sie beim Kochen beobachtet und in den Kochtopf hinein gefilmt und da hat sie den Kochlöffel genommen und Millimeter am Objektiv vorbei zu seinem Mund geführt, damit er probieren kann. Und das hat einfach gezeigt, dass sie ihn gar nicht als Kameramann wahrnimmt."

Beeindruckender Alltag

Inszenieren ließ sich Swetlana Geier jedoch nicht. Irgendetwas für die Kamera zu tun, wäre ihr, so erzählt Jendreyko, unsinnig erschienen. Sie lebte einfach ihren Alltag vor, auf ihre ganz beeindruckende Art und Weise. "Die gleiche Umsichtigkeit, die sie in ihrer Arbeit mit dem Text zeigt, legt sie auch in der Hausarbeit an den Tag, beim Kochen oder beim Bügeln."

Und tatsächlich vergleicht Geier im Film auch das Geraderichten der Fasern beim Bügeln mit dem aufeinander Abstimmen der Sätze im Gesamttext. Stoff und Text wären, sagt sie, ja gleichermaßen Gewebe.

Neue Heimat in Deutschland

Swetlana Geier kam 1923 in Kiew zur Welt, schon früh wurde sie in Deutsch und Französisch unterrichtet. Ihr Vater wurde Opfer des Stalinistischen Terrors. Als die Nazis in Kiew einmarschierten, fiel Geier einem hochrangigen Wehrmachtsoffizier auf und kam so als Übersetzerin nach Deutschland. Obwohl sie unter dem Naziterror gelitten hatte, selbst verhört wurde und ihre beste Freundin, ein Jüdin, durch ein Massaker verlor, fand sie in Deutschland eine neue Heimat. In ihre Geburtsstadt Kiew kehrte sie erst über 60 Jahre später wieder zurück.

Der Film begleitet sie auf dieser Reise in die eigene Vergangenheit. Sie besucht das Grab des Vaters und ihr damaliges Wohnhaus. Viel scheint sie mit ihrer Heimat, der heutigen Ukraine, allerdings nicht mehr zu verbinden. "Frau Geier sagt, Russland ist dort, wo ich bin und tatsächlich hat man, wenn man in ihr Haus geht, das Gefühl, in ein anderes Land zu kommen", erzählt Regisseur Jendreyko.

15 Jahre für Dostojewskij

Ihr Haus, das scheint die russische Literatur zu sein. Schon seit 50 Jahren übersetzt sie russische Klassiker wie Puschkin, Gogol und Tolstoi ins Deutsche. Erst 1992, damals fast 70-jährig, hat sie den Auftrag angenommen, die fünf großen Romane Dostojewskijs neu zu übertragen. 15 Jahre hat sie damit zugebracht. Eine Arbeit, die ihr, wie Swetlana Geier sagt, nie langweilig wurde: "Das ist das Zeichen für einen hochwertigen Text: dass er sich bewegt und plötzlich beim Wiederlesen etwas freigibt, was man noch nie gesehen hat."

Noch selten gesehen hat man auch einen Film von dieser Intensität. Zweieinhalb Jahre Arbeit habe er gekostet, meint Regisseur Vadim Jendreyko, genau so lange wie eine Dostojewskij-Übersetzung. Der Aufwand hat sich ausgezahlt, wurde die Frau mit den fünf Elefanten doch für den deutschen Filmpreis nominiert und mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Und das mehr als verdient.