Dem "blinden Fleck" Homosexualität entgegenwirken
Retrospektive Derek Jarman
Der britische Filmemacher war nicht der einzige, der sein Schwulsein und seine Aids-Erkrankung thematisierte, er war aber der erste, der diese Themen in die gewöhnlichen Kinos brachte und ihnen damit eine breite Aufmerksamkeit verschaffte.
8. April 2017, 21:58
Kulturjournal, 15.07.2010
Mehr Möglichkeiten mit Film
Eigentlich hatte Derek Jarman ja an der Kunstakademie studiert und sich der Malerei verschrieben, doch dann wuchs seine Unzufriedenheit mit dem Medium. Die Malerei schaffte es nicht, seine Lebenswirklichkeit abzubilden und seine Ideen eines freien und lustvollen schwulen Lebens zu propagieren. Der Film bot da ganz andere Möglichkeiten, allerdings stellte das Thema Homosexualität damals, Mitte der 1970er Jahre, in der breiten Öffentlichkeit einen blinden Fleck dar. Das wollte Jarman ändern.
"Mein ganzes Leben und das Leben so vieler anderer sollte offen gelegt werden", so Jarman. "Ich habe rasch gemerkt, dass das mein großes Thema ist, bei dem ich unbedingt bleiben musste. Für einen Regisseur, der in Sachen Filmemachen ein Analphabet war, bedeutete das einen großen Vorteil. Damit hatte ich nämlich ein Publikum und sogar wenn ich es nicht einmal schaffen würde, zwei Filmstreifen aneinander zu kleben, würden diese Menschen trotzdem ins Kino kommen, um meinen neuen Film zu sehen."
Filme über "schwule Ikonen"
Jarman suchte in der Geschichte nach schwulen Ikonen und machte sie zu den Protagonisten seiner Filme. Ludwig Wittgenstein, der englische König Edward II. und Caravaggio fanden so ihren Weg auf die Leinwand.
Realisiert wurden die Filme mit vergleichsweise geringen Budgets. Da das Geld für die Außenaufnahmen in Rom fehlte, drehte Jarman seinen "Caravaggio" etwa in leer stehenden Lagerhallen in den Londoner Docklands. Das sorgte für die theatralische Atmosphäre im Film. Das andere Merkmal von Jarmans Filmen war deren Episodenhaftigkeit. Auch die hatte einen ganz banalen Grund:
"Wenn ich meine Filme mit einem fertigen Drehbuch gedreht hätte, wären sie ganz anders geworden. Ich hätte nie zu diesem experimentellen Ansatz gefunden."
Diagnose: HIV-positiv
1986 war ein einschneidendes Jahr für Jarman. Damals gewann er mit "Caravaggio" beim Filmfestival in Berlin den Silbernen Bären und konnte sich damit auch international als Regisseur etablieren. 1986 wurde Jarman aber auch HIV-positiv diagnostiziert. Und ging damit sofort an die Öffentlichkeit.
"Ich habe es für mich getan, weil mein ganzes Leben ein Kampf um Offenheit und Akzeptanz war", erklärt er diesen Schritt. "Mit der Diagnose fand ich mich in einem Ghetto von verängstigten und unglücklichen Menschen wieder, die das Gefühl hatten, über sich nicht die Wahrheit sagen zu können."
Eigenwilliges Vermächtnis "Blue"
Der Kampf gegen AIDS und die damit einhergehende Tabuisierung wurde zum zweiten großen Thema im Schaffen Jarmans. Trotz der Krankheit schaffte er es, jedes Jahr einen neuen Film zu realisieren. Zu seinem eigenwilligen Vermächtnis wurde sein letzter Film "Blue".
Da die Krankheit Jarmans Sehvermögen massiv eingeschränkt hatte, ist über die gesamte Dauer des Films nichts als eine tiefblaue Leinwand zu sehen. Auf der Tonspur montiert Jarman jedoch eine aufwendige Collage aus Musik, Geräuschen und einer langen Erzählung. Die führt von Kindheitserinnerungen über poetische Reflexionen hin zu Tagebucheintragungen, die über den Umgang des Filmemachers mit seiner Aids-Erkrankung berichten.
Die Filmschau im Votivkino wird durch eine Dokumentation über Derek Jarman abgerundet, die erst 2008 entstanden ist. Jarman-Muse Tilda Swinton tritt darin als Erzählerin auf, der Filmemacher selbst ist in einem bis dato unveröffentlichten Interview zu erleben.
