Die Freundschaft zweier Außenseiter

Animationsfilm "Mary & Max"

Während in Hollywood die Digitaltechnologie auf der Kinoleinwand immer weiter vorangetrieben wird, setzen Animationsfilme anderswo auf der Welt auf Handgemachtes. Jüngstes erstaunliches Beispiel ist der australische Film "Mary & Max".

Der Film greift auf Plastilinfiguren zurück, die im einfachen Stop-Motion-Verfahren zum Leben erweckt werden. "Mary & Max" lebt aber nicht nur von seinem besonderen visuellen Stil, sondern auch von einer ungewöhnlichen Geschichte.

Kultur aktuell, 26.08.2010

Der Brieffreund

Mary ist acht, lebt in einer australischen Vorstadt, von Klassenkollegen wird sie gehänselt und ihre Mutter ist Alkoholikerin. Weil ihr ihre unmittelbare Umgebung weder Trost noch Zuspruch bietet, sucht sie in der Ferne nach einem Seelenverwandten. Eine zufällig herausgerissene Seite aus dem amerikanischen Telefonbuch beschert ihr den 44-jährigen Max als Brieffreund, der unter dem Asperger-Syndrom leidet.

"Das Interessante ist, dass die Geschichte auf meinem Leben basiert", sagt Regisseur Adam Elliot. "Ich habe wirklich einen Brieffreund, dem ich seit über zwanzig Jahren schreibe. Er lebt wirklich in New York und leidet auch wirklich unter dem Asperger-Syndrom. Die Figur des Max hat also im Gegensatz zu Mary einen realen Bezugspunkt, denn ich habe sie auf Grundlage der Briefe entworfen, die ich im Lauf der Zeit von meinem Brieffreund bekommen habe."

Animation mit größter Sorgfalt

Als "Aspie" findet Max die Welt chaotisch, reagiert auf Störungen von außen oft überempfindlich oder sogar mit Panikattacken und es fällt ihm schwer, im direkten Kontakt Gefühle zu zeigen. Regisseur Adam Elliot war es wichtig, das Asperger-Syndrom möglichst authentisch darzustellen. Dass es eine karikaturenhafte Puppe ist, die hier ihre Seelenqualen offenbart, wirkt erstaunlicherweise nicht herabwürdigend, sondern gibt der Sache eine ganz eigene Intensität.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Figuren mit der größten Sorgfalt animiert wurden. So schuf jeder der sechs Knetanimatoren täglich gerade einmal vier Sekunden Film. Und alleine an dem New Yorker Großstadtpanorama, dem aufwendigsten der insgesamt 133 Schauplätze, wurde zwei Monate lang gebaut. Wird ein gewöhnlicher Spielfilm in etwa 13 Drehwochen abgedreht, so werkte das Team 13 Monate an "Mary & Max" in reiner Handarbeit.

"Alles, was am Bildschirm zu sehen ist, ist echt", so Regisseur Adam Eliott. "Da gab es keinerlei digitale Spielereien oder Effekte. Regenfäden bildeten wir aus Angelleine nach, das Feuer aus rotem Zellophan und alles Wasser, das im Film vorkommt, von der kleinsten Träne bis zum Meer, aus Gleitmittel."

Viel Humor

Einem gepflegten Sprachwitz und einer Fülle an komischen, visuellen Details ist es zu verdanken, dass auch der Humor nicht zu kurz kommt. Wie etwa bei Max' Antwort auf Marys Frage, wo denn in Amerika die Kinder herkommen würden: Juden würden, so Max, aus von Rabbinern gelegten Eiern schlüpfen, Katholiken aus von Nonnen gelegten und Atheisten aus von verwahrlosten Prostituierten gelegten.

Aus welchem Ei auch immer Regisseur Adam Elliot geschlüpft ist, nach "Mary & Max" wünscht man sich jedenfalls, dass er noch viele filmische Eier legt.

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Mary & Max