Der Boxer

Ein Lesestoff für zart besaitete Gemüter, soviel vorweg, ist Enrique Medinas Roman "Der Boxer" sicherlich nicht. Die Mengen von Blut, die hier in schlanken 190 Buchseiten vergossen werden, hätten auch für einen weit mächtigeren Roman ausgereicht.

Der Boxer, von seinen Fans El Duke genannt, dessen ursprünglicher Geburtsname von Autor Medina nicht verraten wird, gilt als junges, aufstrebendes Talent im Ring, dem die Sportpresse ebenso zu Füßen liegt wie das Publikum. Er scheint seine Kämpfe mit einer noch nie gesehenen Leichtigkeit zu gewinnen, beherrscht seine Gegner souverän, wird zum umjubelten Sportidol seiner argentinischen Heimat. Fraglos ist er der geborene Champion, der künftige Weltmeister, der die Stufen zum Ruhm unaufhaltsam hochklettert.

Bei einem entscheidenden Kampf erleidet El Duke indes eine Netzhaut-Ablösung in einem Auge. Die glanzvolle Karriere des Vorstadtkindes kommt dadurch zu einem abrupten und vorzeitigen Ende.

Mann fürs Grobe

Danach gerät er auf die sprichwörtliche schiefe Bahn: Er tritt in die Dienste eines gewissen Don Jorge, eines honorigen Mitglieds der argentinischen Oberschicht, eines höchst erfolgreichen, aber nur scheinbar seriösen Geschäftsmanns. Tatsächlich ist der Don Kopf einer weit verzweigten Vereinigung des organisierten Verbrechens mit besten Verbindungen zu Behörden und Regierung.

Ein dreiköpfiges Team von "Männern fürs Grobe", dem El Duke schließlich angehört, foltert, mordet und vergewaltigt sich im Weiteren durch Enrique Medinas Roman. - Wie gesagt, kein Lesestoff für Empfindsame.

Zuletzt verwickelt sich der Ex-Boxer in eine Intrige innerhalb der verbrecherischen Organisation, der er auch zum Opfer fällt: In seinem Versteck aufgestöbert, wird er von jenen Killern, zu denen er gerade eben noch gehörte, mit denen er gern und kollegial zusammen arbeitete, eiskalt vom Leben zum Tode befördert.

Nach der Erstveröffentlichung verboten

So weit die Story. Im Jahr 1976 putschte sich in Argentinien eine Militär-Junta unter General Jorge Rafael Videla zur Macht und behielt sie bis zu ihrem Zusammenbruch 1983 nach dem verlorenen Falkland-Krieg gegen Großbritannien.

Obwohl Enrique Medinas Roman den Staat, dessen korrumpierte Institutionen oder seine diktatorischen Führer auf keiner Seite explizit erwähnt, wurde das Werk nach der Erstveröffentlichung im Jahr 1976 von der Junta dennoch sofort als Kritik an der neuen, diktatorischen Führung verstanden und verboten. Zu offensichtlich ist die verbrecherische Organisation, bei der El Duke nach dem vorzeitigen Ende seiner Karriere als Boxer seinen Lebensunterhalt verdient, zugleich eine regimenahe paramilitärische Truppe, die missliebige Personen foltert und ermordet.

Als der Roman 1984 schließlich wieder auf den Markt kam, wurde er - neben anderen - bald zum prominenten Mahnmal für die eben überwundene dunkle Epoche. Dem Kulturminister der neuen demokratischen Regierung Argentiniens, Medinas Schriftsteller-Kollegen Pacho O'Donnell, war die Aufhebung der Verbotsdekrete gegen drei von Enrique Medinas Büchern, darunter auch der "Boxer", sogar einen feierlichen Staatsakt wert.

Literarisches Experiment

Jenseits seiner historischen Bedeutung in und für Argentinien ist der kurze, kompakte Roman auch literarisch ein bemerkenswertes Experiment: Medina erzählt wesentliche Teile der Geschichte seines erst erfolgreich boxenden, dann ebenso erfolgreich mordenden Protagonisten in einer Art Gedankenstrom - in einem Gespräch, das El Duke an diesem letzten Nachmittag seines Lebens mit sich selbst führt. Teilweise auch mit einer Ratte, die sich zufällig in seinem Unterschlupf eingefunden hat, einer Slum-Hütte, bei der es unablässig zum Dach herein regnet.

Der herein tropfende Regen gibt den Rhythmus des kaskadierenden Mahlstroms von Erinnerungen vor, in den der Autor seinen Protagonisten verfallen lässt. Der rundum Gescheiterte, das sichere Ende vor Augen, liegt in seinem Bett, zu weiteren Eingriffen in sein Schicksal nicht mehr in der Lage, trinkt aus der Flasche.

Ohne abzusetzen, oft in Halbsätzen, mitunter in bloßen Satzfetzen und Wortkaskaden, erzählt der Boxer sich selbst und der Ratte, seiner Freundin, wie er sie nennt, sein Leben. Seine Kindheit und Jugend in den Hüttenvororten von Buenos Aires, die endlosen Autobusfahrten aus der Slum-Siedlung in die Villenviertel der Reichen, wo die alleinerziehende Mutter für wenige kärgliche Pesos als Putzfrau arbeitet. Seine frühen Jobs als Erdarbeiter beim Graben von Wasser-Pipelines oder in einem Schlachthof. Seine zarten ersten Mädchen- und seine späteren Frauengeschichten. Eine jugendliche Tramp-Reise, als er gerade einmal bei Geld ist, in die argentinische Andenregion.

Keine Interpunktion

El Dukes glanzvolle, aber kurze Boxer-Karriere, für die er beim breiten Publikum berühmt ist, dokumentiert in Tausenden Zeitungs- und Magazin-Artikeln, in Radio-Interviews und Fernsehbeiträgen, nimmt dabei im inneren Bewusstsein des Protagonisten einen vergleichsweise bescheidenen Platz ein: "El Duke ist gestorben, den kenn ich nicht", eine Illusion, erklärt der vor sich hin assoziierende Ringtänzer seiner Ratte. Und an anderer Stelle: "Von El Duke ist mir einzig die zerbrochene Nase geblieben. Wozu soll ich mich an die besten Momente erinnern, wenn ich die schlimmsten erlebt habe?"

Literarisch-technisch repräsentiert sich der Trance-artige Erinnerungsstrom in einem Text ohne Interpunktion und Absätze. Ein Vorbild könnten dem Argentinier Medina dabei die delirierenden "Letzten Worte des Dutch Schultz" gewesen sein, des legendären Gangster-Königs auf dem Sterbebett aus der Feder des US-Kollegen William S. Burroughs. Dass und wie es Medina gelingt, seine scheinbar unstrukturiert dahin fließenden Satzfolgen dennoch flüssig lesbar zu halten, kann man als meisterlich bezeichnen.

Fraglos ist das Buch des Argentiners auch jenseits seiner rezeptionsgeschichtlichen Bedeutung als Dokument von Diktatur und Zensur eine beeindruckende Parabel auf die menschliche Brutalität und auf das Scheitern der Existenz schlechthin.

Service

Enrique Medina, "Der Boxer", aus dem Spanischen übersetzt von Florian Müller, Drava Verlag

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