Festival Literatur im Herbst

Jugoslavija revisited

"Jugoslavija revisited" ist heuer das Thema des Festivals Literatur im Herbst. Auf Einladung der Alten Schmiede werden am Wochenende mehr als 20 Autoren aus Serbien, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo nach Wien kommen. Im Odeon in der Taborstraße werden sie lesen und über die Literatur und die politische Situation am Balkan diskutieren.

Kulturjournal, 04.11.2010

Literarischer Austausch

Was bedeuten nationale Grenzen für das literarische Schreiben? War der jugoslawische Nationalismus, der einst eifrig gepflegt wurde, besser oder schlechter als der slowenische, albanische, kroatische oder serbische? Und wie sieht es aus mit den gemeinsamen Erinnerungen an die Vergangenheit Jugoslawiens? Diese Fragen stellt das Festival Literatur im Herbst. Ein Lokalaugenschein zeigt - wenig überraschend: es gibt keine fertigen Antworten. Aber es gibt einen Grundkonsens: die positive Erinnerung an Tito, den Staatsmann, der den Laden zusammengehalten hat und unter dessen Regierung ein leidlich gutes Leben möglich war.

Als Jugo-Nostalgiker bezeichnet sich der bosnische Autor Mile Stojic. Er lebt in Sarajewo. 1992 ist er mit seiner Familie nach Wien geflohen. Heute lebt er wieder in seiner Heimatstadt, schreibt Gedichte und kommentiert das Zeitgeschehen in Essays. Die Publikation ist oft schwierig, sagt er. Das Verlagswesen in Bosnien ist fast zusammengebrochen, so etwas wie Literaturförderung gibt es nicht, bis heute fehlen die Strukturen. Allerdings: Es gibt inzwischen wieder so etwas wie einen gemeinsamen Markt - einen regen Literaturaustausch zwischen den einzelnen Teilrepubliken.

Kultur aktuell, 03.11.2010

Große Mentalitätsunterschiede

Gleichzeitig in Kroatien, Serbien, Slowenien und Mazedonien ist eben der jüngste Roman von Renato Baretic erschienen, er ist einer der meistgelesenen kroatischen Autoren.

"Auf meinen Lesereisen bin ich viel in den Gebieten des ehemaligen Jugoslawien unterwegs - von Slowenien bis Montenegro", erzählt Baretic, "und ich kann Ihnen sagen: Es gibt eine Gemeinsamkeit: Überall werden ungeheuer große Fleischportionen aufgetischt. Aber sonst: Die Unterschiede sind riesig, auch die Mentalitätsunterschiede, das beginnt schon beim Thema Pünktlichkeit. Ich frage mich immer wieder, was uns verbunden hat. Welcher Klebstoff hat uns zusammengehalten? Und: Außer Repression kann ich nichts erkennen."

Das Genre Balkan

Wie sollte man sich zueinander verhalten, als weder das Zentralkomitee noch die gemeinsamen Erinnerungen mehr reichten, um den Zusammenhalt zu garantieren?, fragt der Belgrader Soziologe Todor Kuljic in seinem eben erschienenen Buch "Umkämpfte Vergangenheiten".

Die Literatur solle sich jedenfalls aus diesem Konflikt heraushalten, sagt Dragan Velikic, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Serbiens und bis vor kurzem Botschafter seines Landes in Wien. Der Balkan, sagt er, sei bereits zum Genre geworden. Und der europäische Markt verlange von seiner Peripherie statt authentischer künstlerischer Werke die Bereitstellung von Stereotypen - diese Werke hätten bei der EU ihre sicheren finanziellen Förderer.

Service

Literatur im Herbst, "Jugoslavija Revisited", 5. bis 7. November 2010, Odeon Theater Wien,
Ö1 Club-Mitglieder bekommen ermäßigten Eintritt (zehn Prozent).

Odeon - Literatur im Herbst