Häftlinge spielen Büchner

Manfred Michalke, Gründer des Wiener Vorstadttheaters, hat mit acht Häftlingen der Justizanstalt Wiener Neustadt Georg Büchners "Leonce und Lena" erarbeitet. Zu sehen ist es ab Dienstag, 21. Dezember 2010 im Palais Kabelwerk in Wien.

Kulturjournal, 21.12.2010

Mittagsjournal, 21.12.2010

Gefängnistheater - also Theaterprojekte, bei denen Häftlinge mitspielen - das ist in Österreich, anders als in vielen anderen Ländern, immer noch mit großen Schwierigkeiten verbunden. Bühnenarbeit gehört nicht zum Häftlingsalltag und wenn es doch hin und wieder Projekte gibt, sind sie auf die Initiative einzelner zurückzuführen.

Manfred Michalke, der Gründer des Wiener Vorstadttheaters hat schon im letzten Jahr mit jugendlichen Straftätern gearbeitet, das Stück "Gerettet" von Edward Bond durfte dann allerdings nur einmal gezeigt werden. In diesem Jahr hat er mit acht Häftlingen der Justizanstalt Wiener Neustadt Georg Büchners "Leonce und Lena" erarbeitet.

Gratiszeitung gegen Theaterprojekt

"Kulturförderung für Mörder", "28.000 Euro Steuergeld für Häftlingstheater", "Mörder sollten Schulkindern Babykiller-Stück zeigen" - mit solchen Schlagzeilen hetzte im Vorjahr die Gratiszeitung "Heute" gegen das Gefängnistheater-Projekt von Manfred Michalke. Erfolgreich - denn zur geplanten Aufführungsserie kam es nicht.

Ein einziges Mal wurde das Stück - Edward Bonds "Gerettet" - innerhalb der Justizanstalt Gerasdorf gezeigt, vor 30 Zuschauern, inklusive Presseverbot, Fotoverbot, Berichterstattungsverbot. Sowohl am Stück, als auch an den Darstellern, zum Teil verurteilten Mördern, stieß sich das Justizministerium, an der Subventionierung durch das Land Niederösterreich stieß sich die Zeitung.

Darsteller am Ende ihrer Haftstrafe

In diesem Jahr war man vorsichtiger, sagte Regisseur Manfred Michalke: "'Leonce und Lena' wurde mit dem Ministerium ausgesucht, da es sich um Gefangene handelt, die im Endstrafvollzug stehen. Das sind Freigänger, Leute, die im gelockerten Vollzug stehen. Da wurde dann auch die Genehmigung erteilt, dass sie öffentlich und vor Publikum auftreten dürfen."

Büchners Politsatire hat Michalke auf eine Baustelle verlegt, die symbolisch für das Leben der Darsteller steht. Die Trennwand im Bühnenhintergrund lässt langsam immer mehr Licht ins Spiel - sie steht für die Grenze zwischen Kunst und Leben.

Textarbeit und Bühnenfähigkeiten

Manfred Michalke hat mit seinem Wiener Vorstadttheater immer wieder mit sozialen Randgruppen gearbeitet. Für "Leonce und Lena" hat er acht Darsteller - fünf Männer und drei Frauen aus der Justizanstalt Wiener Neustadt gewinnen können. Sie sind zwischen 20 und 60 Jahre alt und haben sich ein Jahr lang intensiv mit Büchners Drama auseinandergesetzt. Neben der Textarbeit wurden auch handwerkliche Bühnenfähigkeiten wurden erlernt.

"Das willkommenste Nebenprodukt ist der therapeutische Effekt, das heißt Wiedergewinnung des Selbstwertgefühls, soziale Kommunikationsfähigkeit, Teamarbeit - all diese Zielsetzungen, die sie im normalen Leben nicht so hatten", so Michalke.

In anderen Ländern Gefängnisalltag

Gefängnistheater in Österreich befindet sich erst in einem Vorstadium, wie wohl es vereinzelte Projekte - etwa jene von Tina Leisch - gibt. In anderen Ländern, etwa in Deutschland, gehört Theaterarbeit mit Häftlingen bereits zum Gefängnisalltag.

Dennoch gibt es einen Lichtblick. Erst kürzlich wurde das Wiener Vorstadttheater als österreichischer Partner für ein EU-Sozialprojekt ausgewählt. 2011 hat man noch Beobachterstatus, und kann sich Gefängnistheater in anderen Ländern anschauen, 2012 wird man dann eine eigene Produktion vor internationalen Gästen zeigen - und damit Dostojewskis Zitat unter Beweis stellen, dass Gefängnisse der bessere Nährboden für Kreativität sind als Paläste.

Textfassung: Rainer Elstner