Kritik an Ermittlungen und Gutachten
Eltern wollen weiter ermitteln
In einem der aufsehenerregendsten Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch könnte jetzt doch weiter ermittelt werden. Nach dem Tod einer 17-Jährigen in der Linzer Nervenklinik wollen die Eltern, dass Ermittlungen wegen Missbrauchsverdachts gegen vier Verdächtige fortgesetzt werden.
8. April 2017, 21:58
Morgenjournal, 12.08.2011
Antrag der Eltern
Eine 17-jährige Oberösterreicherin hatte ihre Grazer Großeltern und zwei Nachbarn schwer belastet. Im Mai starb dann die selbstmordgefährdete Jugendliche, nachdem sie in der Linz in künstlichen Tiefschlaf versetzt worden war. Vor kurzem hat die Staatsanwaltschaft Wels ihre Ermittlungen wegen Missbrauchsverdachts gegen die vier Beschuldigten eingestellt. Jetzt aber stellen die Eltern der 17-Jährigen einen Antrag auf Fortsetzung der Ermittlungen.
Hinweise aus früheren Untersuchungen
Die Eltern glauben nicht, dass die massiven Missbrauchsvorwürfe nur der Phantasie ihrer verstorbenen Tochter entsprungen sein sollen - oder dass die Vorwürfe gar bei Gesprächen mit Ärzten und Therapeuten entstanden sein könnten. Die Obduktion der 17-Jährigen hat laut der Einstellungsbegründung der Staatsanwaltschaft zwar keinen Hinweis auf als Kind erlittene Vergewaltigungen ergeben. Aber bei früheren Untersuchungen gab es schon einen derartigen Hinweis.
Kritik an Ermittlungen
Auf 69 Seiten versuchen die Eltern und ihre Anwältin nun, Widersprüche in Gutachten, Diagnosen und Ermittlungsergebnissen aufzuzeigen. Unter anderem wird festgestellt, dass bei der 17-Jährigen der Hippocampus, eine Gehirnregion, verkleinert war - laut Studien eine mögliche Folge von Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch.
Kritisiert werden in dem Antrag die bisherigen Polizeiermittlungen: Bei ihrer Befragung hat die damals noch 16-Jährige angegeben, sie sei als Kind mehrmals nahe einem Camping-Platz in Kärnten missbraucht und davor an afrikanischen Hütten vorbeigeführt worden. Die Polizei hat keine derartigen Hütten entdeckt, der Vater hingegen hat später Hütten fotografiert, die von der 17-Jährigen wiedererkannt worden seien.
Zweifel an Gerichtspsychiaterin
Massiv fällt die Kritik der Eltern an der renommierten Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner aus. Sie hat die 17-Jährige einvernommen, deren Leiden von Schluckbeschwerden über Magersucht bis zu Selbstverletzungen und Selbstmordversuchen reichten. Auch neun Tagebücher der Jugendlichen hat Kastner analysiert. Das Ergebnis: Die Missbrauchsvorwürfe gegen die Grazer Großeltern und zwei Nachbarn seien nicht glaubhaft und möglicherweise eine Pseudo-Erinnerung. Die 17-Jährige habe an einer Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und hysterischen Anteilen gelitten. Das sei eine Diagnose, die nicht den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation für Jugendliche entspreche, kritisieren die Eltern. Außerdem habe Kastner keine Trauma-Ausbildung und sei keine Kinder- und Jugendpsychiaterin.
Zweitgutachten beantragt
Allerdings hatten die Eltern und ihre Anwältin ursprünglich keine Bedenken gegen die Bestellung von Kastner als Gutachterin geäußert. Jetzt beantragen sie, dass ein zweiter Gutachter die vorhandenen Einvernahme-Videos analysiert. Die Welser Staatsanwaltschaft hat eine Übereinstimmung zwischen dem Kastner-Gutachten und dem Obduktionsergebnis gesehen und die Ermittlungen eingestellt. Falls die Staatsanwaltschaft auch den Fortsetzungsantrag ablehnt, entscheidet ein Richtersenat, ob weiter ermittelt werden muss.
Die renommierte Psychiaterin Adelheid Kastner wollte keine Stellungnahme abgeben, das dürfe sie als vom Gericht bestellte Gutachterin nicht. Der Anwalt der Beschuldigten war vorerst nicht erreichbar.
Hinweis
Ö1 vermeidet bewusst die Nennung jeglicher Namen und Wohnbezirke, um sowohl die Familie des möglichen Opfers als auch die Beschuldigten zu schützen.
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