Karl May

Es sollte keine Biografie werden. Ganz im Gegenteil, ist der Autor angetreten, Karl May aus der eisernen Umklammerung seiner Interpreten zu befreien, wenn nicht gar zu retten. Zu seinem 100. Todestag will er Karl May jene Reverenz erweisen, die diesem nur selten zuteil wurde: die Anerkennung als deutscher Dichter.

Schundliterat und genialer Erzähler

Schon zu Lebzeiten polarisierte der exzentrische Schriftsteller. Politische und ästhetische Moden schufen jene bekannten Klischees, die Karl May entweder zum trivialen Schundliteraten stempelten oder zum genialen Erzähler und Schöpfer deutscher Edelmenschen erhoben. Kritiker erinnerten die Leser schon zu Lebzeiten permanent an die kleinkriminellen Jugendsünden, die Karl May - mehr aus Geltungssucht - für mehrere Jahre ins Gefängnis brachten.

Genau dort, im bekannten Zuchthaus Waldheim fand allerdings mit Hilfe eines katholischen Anstaltsgeistlichen auch seine Umkehr statt: Den schwer narzisstisch gestörten Hochstapler und Betrüger erfasste die Schreibwut. Als gesetzestreuer Bürger vermochte er fortan, seine inneren Konflikte durch seine Romanfiguren auszuleben. Der Schriftsteller Karl May ist daher auch das erstaunliche Produkt einer gelungenen Zuchthaus-Resozialisierung im 19.Jahrhundert.

Rückzug in Pfantasiewelten

All das ist lange und bis ins kleinste Detail bekannt. Rüdiger Scharper geißelt vor allem jene Biografen, die nur das Bizarre und auch für Laien auffällig Pathologische an Karl Mays Kind gebliebener Persönlichkeit zur großen Entdeckung erheben, jedoch die Frage nach der Bedeutung der sublimierten May'schen Phantasiewelten für das Kulturleben eines Jahrhunderts außer Acht ließen.

Tatsächlich wusste Karl May selbst, dass seine Kreativität mit einer Art Kindheitskomplex zu tun hatte, der auch auf eine vorübergehende Erblindung zurückzuführen war, in der er sich die Außenwelt in der Phantasie vorzustellen hatte. Auch lassen sich beim Unberührbaren heftige Sexualphobien erkennen: Seine erste Ehe endete in einem Fiasko, die Ex-Gattin landete im Irrenhaus.

Horror vor dem Orient

Doch die bedrohlichsten Zusammenbrüche erlebte der Schriftsteller auf jenen Reisen, die er, als der berühmte Karl May, nach dem Erscheinen seiner Werke in die Gebiete seiner literarischen Träume unternahm. Den Unberührbaren, auch wenn von Touristen unerkannt, trieb der reale Orient in den Irrsinn. Er erlitt Nervenzusammenbrüche.

Neuland in der Formensprache

Karl May fühlt sich nur mutig und frei, wenn er sich aus der warmen häuslichen Schreibstube in seine Abenteuer hinausträumen kann in eine Welt, die ihm untertan ist, die er nach seinen Ideen baut und über deren Bausubstanzen nur er verfügt. Wohl intuitiv hat er in seiner literarischen Formensprache Neuland betreten. Rüdiger Schaper erkennt in Kara Ben Nemsi, der eindeutig Christuszüge trägt, jedoch auch den asketischen modernen Serienhelden mit christlich-humanistischer Mission.

Skalp Fiction

Mit seinen thematisch strukturierten Essays, verwandelt Rüdiger Schaper Karl May nicht nur in einen guten Schriftsteller, sondern in auch in einen, der intuitiv die Kunst der Kolportage - "Skalp Fiction" gewissermaßen - erfunden hat. Doch bis heute bleibt die Qualität des Dichters May, der seine Figuren in endlose platonische Dialoge über Gerechtigkeit, Edelmut und Tugenden verwickelt, die auch nicht so schlecht wie ihr zeitweiliger Ruf sind, von seinem eigenen gigantischen Schreibmassiv verschüttet.

Schapers ungemein wortgewaltige und witzige Essays, so erhellend sie sind, graben jedoch erst einzelne neue Sandspuren in die alten Interpretationswüsten.

Service

Rüdiger Schaper, "Karl May. Untertan, Hochstapler, Übermensch", Siedler Verlag

Siedler Verlag - Rüdiger Schaper