Eine transatlantische Diskussion

Hipster

Lehrer, die kreatives Schreiben unterrichten, raten angehenden Autoren, sie mögen ihren starken Emotionen folgen. Denn nur so bringe man etwas Echtes, etwas Authentisches hervor. Diese Strategie dürfte sich auch für ein Symposium zu einem kulturellen Thema eigenen.

Im Frühjahr 2009 luden die Herausgeber der Kulturzeitschrift "n + 1" an die New School in New York zu einer Diskussion über den Hipster ein. Mark Greif ist einer der Herausgeber.

"Vor dem Symposium hörte man von an sich ganz vernünftigen Leuten: 'Hipster, wenn ich das schön höre! Ich hasse Hipster!'", so Greif. "Sie hatten fast Schaum vor dem Mund. Oder sie haben gesagt: 'Niemand weiß, was ein Hipster ist. Darüber kann man nicht diskutieren.'"

Das allein machte das Thema für die "n + 1"-Herausgeber interessant. Denn das programmatische Motto der Zeitschrift lautet: Man kann über alles diskutieren.

Akademische Herangehensweise an trivialen Begriff

"Ich dachte mir, das ist Grund genug, zu diesem Thema ein akademisches Symposium zu veranstalten", sagt Greif. "Ich wollte es so gestalten, dass Leute, die nichts mit Universitäten zu tun haben, es als akademische Veranstaltung empfinden würden. Sie wären neugierig, warum wir ausgerechnet ein Symposium über Hipster machen. Doch Leute, die mit Symposien vertraut sind, sollten diese Veranstaltung ein wenig als Satire auf akademische Gepflogenheiten sehen. Das heißt: Wir nutzten die sehr, sehr ernsthafte, akademische Herangehensweise für den Hipster, den Leute zwar als trivial empfinden mögen, der aber dennoch interessante Fragen aufwirft."

Das Buch "Hipster - eine transatlantische Diskussion" besteht aus einer Zusammenfassung der Vorträge und Diskussionen des Symposiums, sowie aus Essays zu Themen wie: "Der Hipster und Rasse" oder "Der Hipster und seine Ästhetik".

Was Mark Greif und seine Ko-Herausgeber reizte: Endlich einmal ein kulturelles Phänomen abzutasten, noch während es existiert und nicht erst im Nachhinein, als akademisch-historische Übung.

Das Andere

Apropos Historie: Der Begriff "Hipster" ist keine Neuerfindung. Mark Greif schreibt über den quasi Ur-Hipster:

Um 1999, so Mark Greif, sei der Begriff dann wieder in New York aufgetaucht. Und diesmal galt er als Beleidigung. "Er richtete sich gegen junge Leute, die gerade das College hinter sich hatten", erklärt Greif. "Sie zogen in ethnische Viertel, die traditionell als schwarz, latino oder jüdisch-orthodox gegolten haben. Doch anstatt sich anzupassen, entwickelten sie eine neue Kultur. Es war keine traditionelle Künstlerkultur, sondern es ging vor allem um Konsumartikel, die in so etwas Ähnliches wie Kunstobjekte verwandelt wurden. Zum Beispiel: Junge Leute verkauften handbemalte Skateboards oder Adidas-Turnschuhe. Sie bearbeiteten also ganz normale Produkte, verbrämten sie mit ein bisschen Kreativität und gaben sich den Anschein, als wären sie echte Künstler."

Kein Geld für Coolness

Das optische Bild, das man am häufigsten mit dem Hipster verbindet: Männer zwischen 18 und 23 Jahren, die skinny Jeans, Trucker-Mützen und Holzfällerhemden tragen. Hipster-Frauen kamen weniger uniform daher und waren daher auch nicht so leicht als solche zu erkennen. Doch das beantwortet noch immer nicht die Frage: Warum erhitzte der Begriff die Gemüter gar so sehr?

"Je mehr wir darüber nachdachten, desto mehr kam ich zum Schluss: Die Leute ärgern sich so sehr über den Begriff Hipster, weil er sie in ihren Eitelkeiten berührt", meint Greif. "Diese haben ja oft mit tiefer liegenden, ernsten Dingen zu tun. Sagen wir, es geht um Leben in einer Stadt: Kann man cool sein und kann man mit seiner Coolness andere Dinge kompensieren, wie beispielsweise Erfolg oder Reichtum? Ich glaube, wenn Leute andere als Hipster beschimpfen, tun sie das, weil sie sich in ihrer eigenen Identität angegriffen fühlen."

Hipster sind also junge Leute, die über den letzten Trend Bescheid wissen und gerne cool sein möchten. Für die Coolness im großen Stil fehlt es am Kleingeld.

Pseudobohemiens mit Attitüde

Doch das ist nicht die einzige Inkarnation des Hipsters. Mark Greif zählt auch junge Leute dazu, die beispielsweise übers Internet wenn nicht reich so zumindest wohlhabend geworden sind. Sie tun so, als wäre Geld bedeutungslos. Sie sind Pseudobohemiens mit Attitüde. Und davon profitierten die echten Bohemiens.

"Die Leute, die traditionell als Künstler gerade über die Runden kamen, entdeckten, dass sie eigentlich ganz gut von diesem Trend leben konnten", sagt Greif. "Sie verkauften also ihre Version von 'cool' als Rock-Band oder Künstler in den für diese Szene typischen Bars, Cafés und kleinen Läden. Es entsteht dadurch eine Art Symbiose, wobei zwei völlig verschiedene Organismen voneinander profitieren."

So weit man ein kulturelles Phänomen zeitlich festmachen kann, verschwand der Hipster 2009. Eine Subkultur mehr wurde vom Kommerz aufgesaugt, denn die Kleidung der Hipster kann man mittlerweile in ganz gewöhnlichen Läden kaufen. Und noch etwas signalisiert, dass sich der Hauch von Avant-Garde, auch wenn er vorwiegend als Pose existierte, verflüchtig hat.

"Junge Leute, die als Praktikanten zu 'n + 1' kommen, erzählen mir, dass es den Hipster nun an jeder US-amerikanischen High School gibt", erzählt Greif. "Es gibt den Supersportler, die Goths, die Punks, die Skater und nun eben auch die Hipster. Wahrscheinlich hat er für die Schüler heutzutage eine andere Bedeutung. Aber in gewisser Weise lebt der Hipster weiter."

Service

Mark Greif (Hg.), "Hipster. Eine transatlantische Diskussion", Edition Suhrkamp

Suhrkamp - Hipster
n + 1 magazine