"Wastwater" am Wiener Akademietheater

Der Dramatiker Simon Stephens ist derzeit einer der meistgespielten britischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Seine Stücke befassen sich oft mit den Schattenseiten der modernen Gesellschaft, mit Einsamkeit und gescheiterten Existenzen.

Am Montag, 30. April 2012, hatte am Wiener Akademietheater Stephens' Stück "Wastwater" Premiere, inszeniert hat es der deutsche Regisseur Stephan Kimmig.

Kultur aktuell, 30.04.2012

"Wastwater" - so heißt ein tiefer See im englischen Lake District, der meist im Schatten liegt und dessen Grund angeblich viele Leichen beherbergt. Eine schöne Metapher also für das gleichnamige Stück, in dem zunächst vieles im Dunkeln bleibt und die handelnden Personen erst nach und nach ihre Geschichte preisgeben.

Drei Episoden beinhaltet das Stück; sie spielen zeitgleich an verschiedenen Orten in der Nähe des Londoner Flughafens Heathrow und sind indirekt miteinander verwoben. Da nimmt eine Pflegemutter vielleicht für immer Abschied von ihrem Ziehsohn, ein Paar steht in einem Hotelzimmer knapp vor einem Seitensprung, und ein Mann will ein geschmuggeltes Kind in Empfang nehmen, wird zuvor aber einem seltsamen Verhör unterzogen.

Es sind bedrohliche, aber auch skurril-komische Momente, die diese drei Paare miteinander durchleben. Was die Geschichten miteinander verbindet, bleibt zunächst unklar. Letztendlich geht es aber um Menschen, die an Wendepunkten ihres Lebens stehen, die schwerwiegende Entscheidungen getroffen haben und nun mit den Folgen konfrontiert sind.

Vergangenes Jahr wurde "Wastwater" in London uraufgeführt; Regie führte Katie Mitchell. Diese Produktion gastierte dann auch bei den Wiener Festwochen. Während Mitchell die drei Schauplätze der Handlung realistisch nachgebaut hat, lässt Regisseur Stephan Kimmig im Akademietheater alle Episoden in einer leeren Lagerhalle spielen. Im Hintergrund läuft eine Wanduhr mit und dreht sich am Anfang jeder Szene wieder zurück, um die Gleichzeitigkeit des Geschehens zu verdeutlichen. So wenig wie möglich greift Kimmig ins Stück ein und verzichtet weitgehend auf eine eigene Deutung. Das hinterlässt ein seltsames Gefühl der Distanziertheit von den Ereignissen auf der Bühne; Empathie zu den Figuren hält sich ebenso in Grenzen wie jene Beklommenheit, die Stephens' Stücke sonst hinterlassen. Viel Applaus gab es am Ende des Abends dennoch - vor allem für die schauspielerischen Leistungen von Elisabeth Orth als Ziehmutter Frieda und Andrea Clausen als komplexbeladene Seitenspringerin.

Textbearbeitung: Joseph Schimmer

Service

Ö1 Club-Mitglieder bekommen am Akademietheater ermäßigten Eintritt (zehn Prozent).

Burgtheater - Wastwater