Krimi von Sam Hawken

Die toten Frauen von Juarez

Eines vorweg: Das ist grausam, harter Stoff und von jeder "Jugendfreigabe" weit entfernt. Diese Warnung hat aber wenig bis gar nichts mit einem Kalkül des Autors zu tun - Sam Hawken ist ein Texaner des Jahrgangs 1970, der vorliegende Roman ist sein Erstlingswerk -, nein, sie ist den mexikanischen Realitäten geschuldet.

Dem sogenannten "Drogenkrieg" im Lande, der in den letzten Jahren Zehntausende Menschenleben gefordert hat, und den systematischen Entführungen und Ermordungen Hunderter Frauen vor allem in der mexikanisch-US-amerikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. "Feminicidios" heißt der Fachbegriff, und im Nachwort zu diesem Kriminalroman finden sich auch Hinweise auf zivile, mexikanische Organisationen, die an der Aufklärung der Fälle arbeiten, und die Aufforderung, diese zu unterstützen.

Boxer mit Drogenproblemen

Zum Roman: Ein abgehalfterter US-amerikanischer Boxer versucht sich mit dubiosen Schaukämpfen in Juarez durchzuschlagen. Der Mann hat ein Kind in den USA zu Tode gefahren - das ist der Grund für seine Flucht nach Mexiko gewesen -, und er hatte bzw. hat ein massives Drogenproblem. Wenn er nicht boxt, dann verkauft er Marihuana an US-Touristen; das wiederum tut er gemeinsam mit einem Einheimischen, mit dessen Schwester er liiert ist.

Die Sache eskaliert, als der Boxer - übrigens einer der Guten in diesem Krimi - tagelang an der Nadel hängt, und seine Freundin, die in einem Verein zur Suche nach den entführten Frauen arbeitet, ebenfalls entführt wird.

"Guter" Cop

Was dann folgt ist ein blutiger Nachtmahr, den man eher aus Horror-Filmen der Marke "Hostel" kennt. Der Boxer und sein Dealer-Freund werden wegen Mordverdachts an der Frau verhaftet, gefoltert und ins Koma geprügelt. Geschildert wird das realistisch ohne irgendwelche Abstriche. Gäbe es nicht einen sogenannten "guten Bullen", der an die Unschuld der beiden glaubte, wären die Leben der beiden wie auch Geschichte und Roman jetzt schon beendet.

Der "gute Bulle" - und das ist wohl der einzige Kritikpunkt an der Komposition der Krimihandlung - ist ein "guter" und im Übrigen ein tragischer Held, weil auch seine Tochter vor Jahren entführt und ermordet worden ist. Jedenfalls deckt dieser ein Netz von Kriminalität und Korruption auf, das von Hahnen- und Hundekämpfen bis zu Menschenhandel und Frauenmorden reicht. Ein Netz, geknüpft von örtlichen Wirtschaftsbossen und Potentaten, zusammengehalten von korrupten Polizisten.

Keine Strandlektüre

Die Schlussszene, der sogenannte Showdown in einer zur Zirkus- und Mordarena umgebauten Lagerhalle, - so viel sei noch verraten - hat in Sam Hawkens Roman über "Die toten Frauen von Juarez" eine schockierende Qualität. Grausam bis ins letzte Detail. Nicht von ungefähr denkt man dabei an die noch eher harmlos verfilmten Orgien des Caligula, aber auch an Pier Paolo Pasolinis "Salo", ein bis heute in seiner Kompromisslosigkeit unerreichtes filmisches Dokument über sexuellen Sadismus und politisch-ökonomische Gewalt.

Fazit: "Die toten Frauen von Juarez" sind nicht gerade das, was man eine Strandlektüre nennt. Nein, hier handelt es sich um einen der härtesten Krimis der letzten Jahre.

Service

Sam Hawken, "Die toten Frauen von Juarez", aus dem Englischen übersetzt von Joachim Körber, Tropen Verlag

Tropen Verlag - Die toten Frauen von Juarez