Die Liebe zum Kino ist mir wichtiger als jede Moral
"Café Sonntag"-Glosse von Franz Schuh
Die Liebe zum Kino ist mir wichtiger als jede Moral. Ja - zu den faszinierenden Erscheinungen in diesen interessanten Zeiten gehört die Tatsache, dass sich die Moral einen schlechten Ruf eingehandelt hat.
8. April 2017, 21:58
Meines Wissens gehört offene Moralverachtung in erster Linie zur Tradition der politischen Linken: Moral nämlich ist eine kleinliche Perspektive - verglichen mit dem, was der Welt nottut, und der Welt tut die Revolution not. Die Revolution ist ein grandioses historisches Unternehmen, weshalb moralische Bedenken als kleinbürgerliche Beschränkung abgelehnt werden.
Natürlich hat auch die politische Rechte ihre Moralverachtung, an ihren Rechtsaußen sogar ganz offen, aber an der politischen Rechten wird Moralverachtung am liebsten nicht ohne Moralpredigen betrieben: Die bürgerliche Doppelmoral findet immer wieder neue Exponenten, von der Art amerikanischer Senatoren, die die Homosexualität bekämpfen, solange bis man sie in einer zahlreichen Flughafentoiletten Amerikas erwischt hat.
Das ist schon ein Punkt gegen die Moral: Ihr bloßes Vorhandensein bringt Heuchler hervor. Der Verdacht, dass moralisch hochstehende Menschen eigentlich immer Heuchler sind, beruhigt die Leute, die in ihrer Mehrheit kaum moralische Interessen haben: Die Mehrheit muss ihren Lebensunterhalt bestreiten, die Leute müssen durchkommen, nach allen Regeln der Kunst, zu denen auch unmoralische Regeln und Künste gehören.
In diese Kerbe schlägt die Propaganda des so genannten "Neoliberalismus" - die berühmten Werbungen mit den Maximen "Geiz ist geil" oder: "Ich hab' nix zu verschenken." Diese Sprüche und ihr forcierter Aufforderungscharakter sind Jenseits von Gut und Böse, sie sind nämlich schlecht. Sie wollen ja weder gute noch böse Menschen aus uns machen, wir sollen einfach schlechte Menschen sein, miese, ja fiese Typen ohne Großzügigkeit und Edelmut.
Aber es gibt noch eine andere, eine mächtige Tradition der Moralverachtung: Was ist doch Moral für ein mühsames, kleinmütiges Konstrukt gegen ein gelungenes Kunstwerk! Ein Kunstwerk ist amoralisch - es ist so souverän, dass es sogar moralische Zwecke haben kann, aber niemals kann es aus Moral bestehen - denn Kunstwerk ist ein Werk nur durch seine frei entwickelte Sinnenhaftigkeit, also durch das Ästhetische, für das im übrigen gewöhnliche Moralprediger wenig Sinn haben. Die Sinnlichkeit ist ihnen zuwider, auch weil sie auf wechselnde Eindrücke baut, während die Moral stabile Prinzipien in die Welt bringen will.
So nimmt die Moral bei ihren Vertretern gerne einen diktatorischen Charakter an - und auch deshalb kann einem die Liebe zum Kino wichtiger sein als alle Moral. Außerdem: Lebt einer vom Kino, ist er sowieso gut beraten, wenn er seine Prioritäten der Liebe folgend setzt ... der zurückgebliebene Rest der Menschheit bleibt allerdings darauf angewiesen, so gut es geht, moralisch zu handeln und moralisch behandelt zu werden.
