Die "Café Sonntag"-Glosse von Severin Groebner

Wer anders reisen will, muss natürlich zuerst einmal wissen, wie die normale Variante des Reisens aussieht. Beim normalen Reisen ist man zunächst einmal nie allein.

Eingezwängt sitzt man in Zügen, wo die Besitzer der größten Koffer Mitteleuropas auf dem Gang eine Skulptur ihrer Lieblings-Gepäckstücke aufgebaut haben, um ihre Schätze miteinander zu vergleichen, oder man ist eingezwängt in seinem eigenen Automobil mit plärrenden Kindern auf der Hinterbank und einem Partner, der mit dem Navi streitet, wann man theoretisch rechts abbiegen sollte.

Theoretisch deshalb, weil an Bewegung, geschweige denn Abbiegen gar nicht zu denken ist, da man sich in mitten eines zweihundertachtundachtzig-kilometerlangen Staus befindet, der drei Minuten nach der Stadtausfahrt begonnen hat. Oder man sitzt eingezwängt in einem Fluggerät scannt nervös seine Mitfluggäste auf dunkle Augenbrauen, stechenden Südlandischen Blick, oder sogar im Gegenteil besonders friedfertiges Aussehen und anderes Paranoides, was uns seit dem 11. September von Film, Funk und Fernsehen als untrügliches Zeichen des Terrorismus eingehämmert wird. Währendessen servieren einem luftgetrocknete Stewardessen naturfrei erzeugte Nahrung, die einem noch Tage nach diesem Flug im Magen liegen wird, wie ein in Plastik eingegossener Pflasterstein.

So ist das Reisen normalerweise. Und man bewegt sich natürlich dabei. Von A nach B. Von - meistens - zu Hause nach irgendwo andershin. Zu einem Irgendwo, das sich durch Klima, Zeitzone, Hemisphäre, Architektur, Kulinarik, Topographie oder zumindest durch den Namen vom Heimatort unterscheidet. Und dann ist man dort und freut sich nicht zu Hause sein zu müssen und zwar so lange bis eine medizinische Herausforderung eintritt (also etwa Lebensmittelvergiftung, Schlangenbiss, oder Bürgerkrieg), die einen sofort veranlasst in die wohlbekannten Fürchterlichkeiten des eigenen Zuhause fluchtartig zurück zu kehren.

Das sind also die beiden Hauptcharakteristika des "normalen" Reisens: Umgeben von Menschen, die ausschließlich dem eigenen Umfeld entstammen, versucht man durch Dislocation dem eigenen Umfeld zu entfliehen. Mit Nebenaspekten wie Geldverlust durch mathematisch kreative Wechselstuben, stundenlange Schnitzeljagden zurück zum Hotel durch unbekannte Städte und ihre finstersten Gassen, und die Verpflichtung auf jeden Fall aus Höflichkeit aufessen zu müssen, selbst wenn in der Landessprache "Schinkenkäsetoast" und "Affenhoden-Carpaccio auf gebratenen Termiten" sehr, sehr ähnlich klingen, mit all dem wollen wir uns gar nicht erst eingehender beschäftigen.
Denn so ist es eben normal.

Anders wäre es, wenn man am Tag der Abreise den Ausbruch einer offenen Tuberkolose simuliert, was einen sofort und erfolgreich sozial isoliert. Unter Quarantäne sitzt man also dann zuhause, während die liebsten... na, sagen wir die nähesten... nein, also die Mitmenschen, die man normalerweise am häufigsten sieht, verreisungstechnisch abtransportiert werden, sitzt man also einstweilen absolut allein zuhause und starrt an die Decke. Die wohlbekannte Decke. Und dann greift man plötzlich zu einem Atlas, schlägt ihn blind auf, tippt irgendwomit dem Finger hin und überlegt sich, wie es da wohl sein mag, geschätzte 300 km südöstlich der Falkland-Inseln. Mitten im Atlantik.
So geht anders reisen.

Mit dem kleinen Kunstfehler, dass das natürlich nichts mit Reisen zu tun hat.
Aber dafür ist es anders.

Wen das stört, der möge aber einfach seine Sachen packen und nordöstlich von Australien fliegen, fahren oder paddeln. Dort liegt nämlich "Sandy". Eine Insel, die auf zahlreichen Karten eingezeichnet ist und die es in Wahrheit gar nicht gibt.
Na, das ist doch auch mal etwas anderes.