"Der König von Amerika" in Madrid

Im Madrider Teatro Real findet morgen die Uraufführung einer Oper des amerikanischen Komponisten Philip Glass statt: "The Perfect American" bringt Leben und Werk des Filmproduzenten Walt Disney auf die Bühne. Die Oper entstand nach einem Roman des österreichischen Autors Peter Jungk.

Philip Glass

(c) SILVA, EPA

Kulturjournal, 21.01.2013

Pause nach dem ersten Akt der Philipp-Glass-Oper im Teatro Real. Die Generalprobe steht im Zeichen eines spürbaren Zeitdrucks, das Team um den Komponisten feilt noch an Details. Die beiden Kinoprojektoren, die eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des Bühnenbilds spielen, müssen auf die Handlung exakt abgestimmt werden. Dennoch nimmt sich Philip Glass Zeit für ein Interview, an dessen Beginn ich ihn nach der Entstehungsgeschichte der Oper "The Perfect American" frage.

"Mortier schickte mir den Roman - das war vor drei oder vier Jahren - und er sagte gar nicht dazu, aber ich wusste sofort, was ihm vorschwebte", erzählt Glass. "Ich habe ja schon viele große Persönlichkeiten in Opern porträtiert, wie Galileo Galilei, Albert Einstein oder Gandhi. Ich habe natürlich auch andere Dinge komponiert, aber ich habe mich doch auf große Persönlichkeiten der Geschichte spezialisiert, die man Ikonen nennen könnte. Und als ich den Roman 'Der König von Amerika' las, dachte ich sofort, das ist eine amerikanische Ikone. Was ich an ihm mag: Er war ein Visionär, er hat die Art, wie wir Filme erleben, verändert und er hat als einer der ersten klassische Musik verwendet, als er Musik von Tschaikowski in 'Fantasia' einsetzte. Disney war ein Visionär und gleichzeitig ein ganz gewöhnlicher Mensch. Das ist das Schöne an dem Stück: Es will einen Menschen zeigen, der nicht vollkommen gut oder ganz schlecht ist. Bei komplizierten Charakteren wie Gandhi, Galileo oder Echnaton war es so und bei Disney ist es genauso: Ich nenne sie Menschen, die ihre Füße auf dem Boden und den Kopf in den Wolken haben."

Hat Peter Jungk den Charakter Disneys getroffen? "Er ist ein Europäer, der in Los Angeles geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist", so Glass. "Erst später kehrte er mit seinen Eltern nach Europa zurück. Er ist die richtige Kombination eines Menschen, der aus Los Angeles stammt, aber gleichzeitig ein Außenstehender ist. Ich habe etwas Ähnliches mit einem englischen Autor gemacht, der das Buch zur Oper 'The Civil Wars' schrieb. Ich wollte dafür jemanden, der nicht zu nahe an der Sache ist und sie aus einem anderen Blickwinkel sieht: Peter Stefan Jungk wuchs in den USA auf und hatte dennoch einen eigenen Blick für das Leben von Walt Disney. Diese meine Opern sind Porträts und keine Fotografien der dargestellten Personen. Sie sind wie Malerei: Das Bild wird von echten Menschen inspiriert, aber wir alle - Peter, ich, der Regisseur Phelim McDermott und Dirigent Daniel Russell Davies - haben uns eingebracht und so entstehen Szenen, wie jene gegen Ende, wenn Disney Präsident Lincoln trifft, die wirklich bewegend ist."

Glass vertont Handke

Philip Glass steckt schon in den Vorbereitungen für seine nächste Oper. Auch in Madrid arbeitet er an der Partitur für "Spuren der Verirrten" nach dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Handke. Die Uraufführung ist für Anfang April am Linzer Musiktheater geplant. Die Oper nach dem Handke-Stoff, ist sie anders als "The Perfect American"?

"Sie ist anders", sagt Glass. "Es ist ein vollkommen europäisches Stück, das ich in deutscher Sprache komponiere. Ich habe Deutsch-Kenntnisse aus der High-School und das ist die dritte Oper nach J. M. Coetzees 'Waiting For The Barbarians' und 'Kepler', die ich beide in deutscher Sprache komponierte und jetzt kommt Handke dran. Mein Sprachsinn ist inzwischen so weit geschärft, dass ich inzwischen in Deutsch anders komponiere als in Englisch. Ich könnte jetzt mit Ihnen nicht Deutsch sprechen, das wäre mir peinlich, aber wenn ich mich ans Komponieren setze, dann denke ich auf Deutsch. Ich mache das anders und es kommt auch eine andere Art von Musik dabei heraus. Die Handke-Oper wird am 12. April in Linz uraufgeführt."

Da bleibt aber nur mehr wenig Zeit! "Zwei Opern in einem Jahr, das ist wie ein Marathon von 42 Kilometern und im Ziel beginnt man einen zweiten Marathon", meint Glass. "Am Telefon sagte ich Dirigent Dennis Russell Davies: Wenn wir auf die letzten 15 Monate zurückschauen, werden wir sagen: Wir hatten eine tolle Zeit."

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