Architektur der kleinen Anstrengungen

Wo es Wohlstand gibt, gibt es Fettleibigkeit und Bewegungsarmut - sie stellen ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Sportwissenschaftliche Untersuchungen zeigen nun, dass auch kleine Anstrengungen im Alltag viel zur Fitness beitragen: Stiegensteigen, rasches Gehen oder Gartenarbeit.

Von New York bis Australien macht man sich daher Gedanken darüber, wie man durch Architektur und Stadtplanung Bewegungsanreize im Alltag schaffen kann. In Wien wurde kürzlich der erste geförderte Wohnbau bezogen, der das Stiegensteigen zum Programm macht.

Morgenjournal, 8.2.2013

Sabine Oppolzer

In dem Wohnbau in der Wagramerstraße gibt es statt drei kleinen Stiegenhäusern ein großes, von dem aus alle 80 Wohnungen erschlossen werden. Die Stufen sind flach und einladend, der Lift ist dahinter versteckt. Eigentlich sind solche raumgreifenden Treppen in der Bauordnung nicht vorgesehen. Architekt Christian Knechtl wundert sich, dass man den Menschen jahrhundertelang zugetraut hat, auch höhere Treppen zu erklimmen, während sie heute nach jeweils 20 Stufen durch ein Podest zu einer Rast gezwungen werden. Er fordert eine radikale Reduktion der Bauordnung.

Die Stiegen im 21er Haus etwa, die für ihre schwerelose Eleganz berühmt waren, sind den Brandschutz und Fluchtweg-Bestimmungen zum Opfer gefallen. Nur schöne Stiegen werden aber von den Menschen wirklich gerne benützt.

Zwei Minuten täglich

Harvey Simon von der Harvard Medical School nennt "Stiegen das bestgehütete Geheimnis der Präventivmedizin" und meint, zwei Minuten Stiegensteigen täglich könnten abspecken, was der durchschnittliche Amerikaner jährlich zunimmt. Während man früher propagierte, dass man jede Woche mindestens zwei Stunden intensiv Sport machen sollte, weiß man heute, dass sich alle kleinen Bewegungen summieren, sagt Rosa Diketmüller vom Zentrum für Sportwissenschaft an der Uni Wien

Auch Walter Stelzhammer, Präsident der Kammer für Architekten und Ingenieurkonsulenten beklagt, dass Stiegen in der Bauordnung als Restflächen abgestempelt sind, mit elegant breiten Stufen oder gewendelt sind sie nicht mehr erlaubt. Mitverantwortlich ist eine Flut an EU Vorschriften.

Gelänge es, die Treppe aus ihrem Mauerblümchendasein zu holen, hätte das viele Vorteile: Neben der Mobilität, die sich der einzelne durchs Stiegensteigen bis ins hohe Alter erhalten kann, ist es gut für die Volkswirtschaft, weil es Kosten für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und sogar Krebs reduziert.

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