Was steckt dahinter?

Im zweiten Beitrag über den Verlauf des Projektes metamusic von alien productions, die im Auftrag des ORF musikprotokoll im steirischen herbst und des Festival-Netzwerkes ICAS/ECAS gerade Klanginstallationen für Papageien entwickeln, wollen wir der Sache auf den Grund gehen. Wie sie denn überhaupt auf die Idee gekommen seien, mit Tieren zu arbeiten, frage ich Norbert Math, Andrea Sodomka und Martin Breindl.

  • Im Rahmen des Projektes "Perpetuum Mobile Airwaves" ließen alien productions 2011 Haarföhns mit Windrädern kommunizieren.

    Im Rahmen des Projektes "Perpetuum Mobile Airwaves" ließen alien productions 2011 Haarföhns mit Windrädern kommunizieren.

    (c) Sabine Maier

  • Und im Rahmen des Projektes "Embedded Sstems. The Mix" im Funkhaus Wien, bei der Ö1 Kunstradio Veranstaltung "Recycling the Future IV", kommunizierten 1997 eine Reihe von Küchenmixern miteinander.

    Und im Rahmen des Projektes "Embedded Sstems. The Mix" im Funkhaus Wien, bei der Ö1 Kunstradio Veranstaltung "Recycling the Future IV", kommunizierten 1997 eine Reihe von Küchenmixern miteinander.

    (c) Clemens Gießmann

  • Acht Klangkünstlerinnen und Klangkünstler bespielten 2009 im Rahmen des Projektes "RAPTORreloaded" auf Einladung von alien productions eine akustische Vogelabwehranlage in Falkenstein.

    Acht Klangkünstlerinnen und Klangkünstler bespielten 2009 im Rahmen des Projektes "RAPTORreloaded" auf Einladung von alien productions eine akustische Vogelabwehranlage in Falkenstein.

    (c) Martin Breindl

  • Das Projekt "Essen mit Tieren" hat in enger Zusammenarbeit mit dem Direktor Christian Resch und Schülerinnen und Schülern der Landwirtschaftlichen Fachschule Mistelbach stattgefunden.

    Das Projekt "Essen mit Tieren" hat in enger Zusammenarbeit mit dem Direktor Christian Resch und Schülerinnen und Schülern der Landwirtschaftlichen Fachschule Mistelbach stattgefunden. Im Hintergrund das Ensemble die reihe.

    (c) Wolfgang Müller

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Kontrolle teilen

Viele Jahre schon seien sie daran interessiert, erklärt Breindl, die Kontrolle über den künstlerischen Schaffensprozess zu teilen, - mit anderen Menschen, Geräten, Computern und seit einiger Zeit nun eben auch mit Tieren. "Wir möchten ein Feld aufspannen", so Breindl, "in dem verschiedene Intelligenzen zusammenarbeiten, auch um das anthropozentrische Weltbild ein bisschen aufzubrechen." Wer versucht, den kommunikativen Aspekt von Kunst ernst zu nehmen, der würde automatisch auf solche Lösungen kommen.

Teil eines Systems

Immer wieder, schließt Norbert Math hier an, hätten sie in ihren Projekten diverse Geräte und Maschinen, die mit einer gewissen Intelligenz ausgestattet sind, miteinander kommunizieren lassen, Haushaltsgeräte etwa oder Windräder und Föhne. Mit nun tatsächlich intelligenten Lebewesen zu arbeiten, sei der nächste logische Schritt, - und eine neue Herausforderung, denn je intelligenter ein Lebewesen sei, umso unberechenbarer sei es auch. "Letztendlich geht es darum", rundet Martin Breindl den Gedanken ab, "sich selber als Teil eines Systems zu begreifen."

Kunstvoll klingende Vogelabwehr

Das erste Projekt, in dessen Rahmen sich Martin Breindl, Andrea Sodomka und Norbert Math mit Tieren beschäftigten, war "RAPTORreloaded". 2009 luden sie acht Klangkünstlerinnen und Klangkünstler ein, in einem Weingarten in Falkenstein eine elektroakustische Vogelabwehranlage zu bespielen. Diese würde sich nämlich hervorragend für akustische Land Art eignen, so Math. Es sollten Kompositionen entstehen, "die", wie in der Projektbeschreibung zu lesen steht, "sowohl den höchsten ästhetischen Genuss als auch die reichste Ernte bescheren".

Einer der geladenen Künstler, Tetsuo Kogawa, weigerte sich aber, die Vertreibung der Vögel zu unterstützen. Stattdessen wollte er ihnen in seinem Stück sagen, dass sie die Weintrauben bitte nicht essen sollen. "Und er hat behauptet über gewisse Frequenzanalysen herausgefunden zu haben, wie man mit den Vögeln wirklich kommunizieren kann", schildert Breindl. "Ob das gestimmt hat, weiß ich nicht, aber die Idee haben wir spannend gefunden."

Essen mit Tieren

Im vergangenen Oktober erfüllten Martin Breindl, Norbert Math und Andrea Sodomka dann eine Idee des Künstlers Heinz Cibulka mit Leben und luden im Hermann Nitsch Museum in Mistelbach im Rahmen einer Ausstellung von Cibulka zu einem "Essen mit Tieren". An einer Tafel saßen Menschen und speisten, daneben taten Tiere dasselbe. Gänse, Ziegen, Schweine und Hasen wurden Tischgenossen derjenigen Lebewesen, von denen sie normalerweise gegessen werden. Dazu gab es alien productions' Biochemische Tischmusik, zur Aufführung gebracht vom Ensembe die reihe. Davor, dazwischen und danach verwob Daniel Lercher die Geräusche der tafelnden Menschen und Tiere zu einem live-elektronischen Soundscape.

Daniel Lerchers Duett mit den Gänsen

"Als Daniel Lercher den beiden Gänsen ihr Geschnatter elektronisch verfremdet vorgespielt hat, entsponn sich zwischen den Dreien spontan ein kleines Duett, das hat uns sehr verblüfft", so Andrea Sodomka nach dem einprägsamsten Moment an diesem Abend gefragt. "Und als dann das Ensemble die reihe gespielt hat, waren sie ganz ruhig und haben dabei neugierig ihre Köpfe in Richtung Ensemble gestreckt." Wir Menschen sind gemeinhin der Ansicht, dass Tiere lediglich konditionierbar sind, ergänzt Martin Breindl den Pawlow'schen Reflex ansprechend. Konditionierung und Dressur würde sie aber überhaupt nicht interessieren, so der Künstler. "Wir wollen viel eher in einen Dialog treten mit den Tieren und dass das mit den Gänsen zumindest in kleinen Ansätzen geklappt hat, stimmt uns zuversichtlich." Insbesondere nachdem sie festgestellt hätten, dass Papageien auf akustische Reize genau so reagieren.

Wir haben das Essen mit Tieren akustisch eingefangen. Daniel Lercher im Duett mit den Gänsen.

Open Call von ECAS

Einige Monate vor dem "Essen mit Tieren" reichten alien productions bei unserem Open Call ein. Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen vom Unsound-, dem Skanu Mezs und dem CTM Festival riefen wir die Künstlerinnen und Künstler auf, neue Brücken zu bauen, um bislang noch voneinander Getrenntes in Verbindung zu bringen, dem Motto der zweiten Arbeitsphase unseres ECAS Netzwerkprojektes folgend "Networks of Advanced Sound and Related Arts – Bridging cultural sectors and different media, and enabling citizen innovation".

"Und auf einmal ist alles zu einem Bild zusammengefallen", erzählt Andrea Sodomka. "Unser Interesse an der Mensch-Tier-Beziehung, an der Situation Zoo und auch an dem Technischen, das da drinnen steckt." Als einen weiteren konkreten Impulsgeber nennt Sodomka den Tierpfleger Peter Dickinson. Im Internet fand sie einen Artikel, in dem sich Dickinson fragt, warum noch niemand im Zusammenhang mit "Behavioral Enrichment" auf die Idee gekommen sei, die oftmals doch so Technik-affinen Künstlerinnen und Künstler einzuladen, sich Spielzeuge einfallen zu lassen, die den Tieren im Zoo zum Zeitvertreib dienen.

Die nächsten Schritte

RAPTORreloaded, Essen mit Tieren und nun metamusic, - diese drei Projekte hätten zwar nicht bewusst aufeinander aufgebaut, so Martin Breindl, Norbert Math und Andrea Sodomka, rückblickend würde sich aber durchaus ein Weg erkennen lassen.

Und woran wird als Nächstes gearbeitet werden, frage ich zum Abschluss. Nun werden erst einmal erste Interfaces gebaut und ausprobiert, kündigt Math an. "Eine Idee ist, den Papageien Touchscreens anzubieten, wo sie dann mit dem Schnabel bestimmte Muster anklicken können, oder kinetische Objekte, wie zum Beispiel Schaukeln." "Und was wir nun auch bald machen wollen", ergänzt Sodomka, "ist die Papageien mit Klängen zu konfrontieren, die sie wohl noch nicht gehört haben, um herauszufinden, was ihnen denn überhaupt gefällt." Bei der Interpretation der Reaktionen wird die Zoologin im Team Iris Baldinger helfen, die sich bereits intensiv mit Papageien beschäftigt hat.

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