Exilforschungskonferenz in Wien

Was passierte mit jenen Menschen, die es - aufgrund ihrer politischen Einstellung oder Religion verfolgt - nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938 noch rechtzeitig über die Grenze schafften?

Wie ging es ihnen im aufgezwungenen Exil, mit welchen Problemen hatten sie zu kämpfen und aus welchen Gründen kamen sie zurück oder blieben im Ausland? Diesen Fragen widmet sich die von der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) veranstaltete dreitägige Konferenz "Exilforschung zu Österreich" von 12. bis 14. März an der Uni Wien.

Generationenübergreifendes Thema

"Sehr viele Menschen mussten ohne Vorwarnung, ohne internationale Kontakte und ohne die Chance, ihre Fähigkeiten einzubringen, in ein fremdes Land fliehen", erklärte Fritz Hausjell, Medienhistoriker an der Universität Wien und Präsident der öge. Thema der Konferenz werden unter anderem die unterschiedlichen Bedingungen dieser Flucht sein. "Einem Rechtanwalt oder einem Literaten ging es anders als einem Tischler, Lateinamerika hatte andere Bedingungen als Großbritannien", präzisierte Fritz Stadler, Historiker an der Uni Wien und Leiter des wissenschaftlichen Beirats der öge, gegenüber der APA. Im Vordergrund soll vor allem der Vergleich stehen. Ein Teil der Konferenz ist auch den Hilfsorganisationen und Netzwerken gewidmet, die eine Flucht erst möglich machten.

"Exil wirkte sich nicht nur auf die Emigranten selbst aus, sondern auch auf die Generationen danach", erklärte Hausjell einen Ansatz der Exilforschung. Aber nicht nur die Zeit des Exils sei für viele eine schwierige gewesen, auch bei einer Rückkehr nach Österreich sei den Emigranten nur selten mit Anerkennung oder Wertschätzung begegnet worden, meinte der Medienhistoriker. Neue Probleme hätten sich aufgetan. Diese Remigration, die Weigerung nach Österreich zurückzukommen und die teils auch verhinderte Rückkehr seien aber Aspekte, die noch besser erschlossen werden müssten, erklärte Stadler. Auch der Blick auf die verschiedenen Generationen, die ins Exil gezwungen wurden und jener auf die Situation der Frauen im Exil fehle noch.

"Man kann aus der Geschichte lernen"

"Gerade die Exilforschung wäre für die Identitätsbildung des Landes von großer Bedeutung", so Hausjell. Aber nicht nur für die historische Aufarbeitung, auch zu aktuellen Fragen der Asylpolitik könnte die Exilforschung einen Beitrag leisten. "Man kann aus der Geschichte lernen", zeigte sich Hausjell überzeugt. Historische Exilforschung könne etwa Fragen nach Prozessen, Langzeitfolgen des Exils und erwartbaren Herausforderungen eines erzwungenen Aufenthalts in einem fremden Land beantworten.

"Losgelöst von der Ursache der Flucht, kann man hier vermutlich einiges auf aktuelle Themen umlegen - ohne die Einzigartigkeit der Zeit des Nationalsozialismus in Frage stellen zu wollen", meinte Hausjell. Denn momentan sei Asyl mehr sicherheitspolitisch besetzt, statt als gesellschaftspolitische Chance und Herausforderung begriffen zu werden. "Aus den historischen Ergebnissen und Analysen kann man sicherlich aktuelle Konsequenzen ziehen. Auch heute gibt es erzwungene Massenemigration," erklärte auch Stadler.

Akademisches Randgebiet

Dennoch sei die Exilforschung immer noch ein wenig akademisches "Schmuddelkind", so Stadler. "Es ist eine sehr prekäre Forschungsaktivität", schilderte der Historiker. Früher habe das vor allem an der nicht gerne gesehenen Infragestellung eines lange idealisierten österreichischen Selbstverständnisses gelegen.

Aber auch heute gebe es weder einen eigenen Lehrstuhl, noch eine breite, durchgängige Finanzierung für Projekte und Grundlagenforschung, kritisierte auch Hausjell. "Große Quellenbestände sind noch gar nicht erschlossen", berichtete der Medienhistoriker - etwa die rund 150 verschiedenen österreichischen Exilzeitschriften, die dringend digitalisiert und inhaltlich erschlossen werden müssten. Diese geringen finanziellen Mittel und das oft nur mäßige Interesse im Wissenschaftsbetrieb würden auch an der fehlenden Verortung der Exilforschung in einer der klassischen Fakultäten liegen, vermutete Stadler. "Zusätzlich erinnert die Exilforschung immer an Versäumnisse und verlorene Chancen", erklärte der Historiker.

Text: APA, Red.