Systema Solar zu Gast in Wien

Die kolumbianische Band Systema Solar gilt als eine der besten Live-Bands Kolumbiens. Mit ihrer Mischung aus lateinamerikanischen Rhythmen, Hip Hop und Elektronik hat sich die siebenköpfige Formation in den letzten Jahren auch einen Namen in Europa gemacht. Auf ihrer aktuellen Tournee war Systema Solar erstmals zu Gast in Österreich.

Kulturjournal, 19.09.2013

Cumbia, Hip Hop und Elektronik

Ihr musikalischer Weg ist gepflastert mit afrokaribischen Einflüssen, Hip Hop, Elektronik und traditioneller kolumbianischer Tanzmusik, der „Cumbia“. Für dieses eigensinnige musikalische Konglomerat hat Systema Solar kurzerhand auch eine eigene Bezeichnung erfunden: verbenautika, in Anlehnung an die kolumbianische Verbena, erzählt Frontman John Primera: „Die Verbena ist ein Volksfest in der kolumbianischen Karibik. Im Mittelpunkt steht dabei der picó – eine Art mobiles Soundsystem. Er wird mit bunten Farben bemalt und künstlerisch gestaltet, erhält einen Namen und einen Charakter. Gespielt wird Musik aus verschiedenen Teilen Afrikas, aus Kolumbien und den karibischen Antillen. Diese Mischung beschreibt auch unsere Musik am besten: verbenautika.“

Auftritte als inszenierte Volksfeste

Die Auftritte von Systema Solar sind stets als kleine Verbenas inszeniert, also kolumbianische Volksfeste mit glitzernden Kostümen, DJ, Tanz und Video. In einer atemlosen Bühnenshow brachten die Musiker gestern Abend auch das Wiener Publikum im Club Chaya Fuera zum ausgelassenen Tanzen und Feiern. In ihren Songs finden sich immer wieder musikalische Zitate und augenzwinkernde Hinweise auf altbekannte Hits aus Kolumbien und den USA. Aus vorhandenen Samples entstehen spielerisch neue Lieder.

Heiße Rhythmen und scharfe Kritik

Hinter den energiegeladenen Auftritten, den tanzbaren Rhythmen und unbeschwerten Melodien stehen aber unmissverständliche sozialkritische Botschaften. Systema Solar singt von der enormen Arbeitslosigkeit und Armut in Kolumbien, von Börsenspekulation und Kapitalismus und vom achtlosen Umgang mit Ressourcen, erzählt John Primera: „Im Video zur Single „La Rana“ geht es zum Beispiel um das enorme Müllproblem in unserem Land, und um einen bewussteren Umgang mit Ressourcen. Dass man Plastikflaschen nicht einfach auf die Straße wirft, sondern wiederverwerten kann. Und der Erfolg dieser Kampagne gibt uns Recht, unsere Lieder weiterhin als kritische Botschaften zu formulieren.“

Musikalisch-visuelles Gesamtkonzept

Eine wesentliche Rolle dabei spielen die dokumentarischen Filme der Videokünstlerin Vanessa Gocksch, die auch während der Konzerte zu sehen sind. Ihre Musikvideos zeigen Alltagsszenen aus Kolumbien, ungeschönt und ohne Effekte. Zum Beispiel Menschen, die in den Müllhalden des Landes wühlen, als würden sie nach verborgenen Schätzen suchen. „Von Anfang an haben wir an einem musikalisch-visuellen Konzept gearbeitet. Vanessa Gocksch, unsere Videokünstlerin, hat einen sehr dokumentarischen Stil. Sie mag keine Spezialeffekte oder extravagante Schnitte. Viel lieber erzählt sie in ihren Filmen Geschichten und zeigt unterschiedliche Facetten des kolumbianischen Alltagslebens“, so der Frontman der Band.

Neues Album im November

Im November erscheint das zweite Album der Formation. „La revancha del burro“ – auf Deutsch „Die Revanche des Esels“ – heißt es, und es ist eine eingehende Mischung aus heiteren und kritischen Songs. „Der Esel als Lasttier wird bei uns mit harter Arbeit assoziiert. Man sagt: `Ich arbeite wie ein Esel´. Hinter dem Titel steht also die Aufforderung, den vielen hart arbeitenden Menschen ihre Würde zurückzugeben.“

Bei aller Kritik, nichts liegt den Mitgliedern der Gruppe Systema Solar ferner als der erhobene Zeigefinger, betont Bandmitglied Walter Hernández Indigo. Vielmehr gehe es um ein organisches Kontinuum aus Text und Melodie: „Wir reflektieren, kritisieren und geben Anregungen. Und gibt es eine bessere Art, diese Botschaften zu vermitteln als mit Freude und Optimismus? Das wichtigste für uns ist die positive Grundschwingung, das war immer unsere Vision.“