Die Schlafwandler

Zehn Millionen Tote, zwanzig Millionen Verwundete und die moralische Devastierung eines ganzen Erdteils: Das war die desaströse Bilanz des Ersten Weltkriegs, der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts".

Alles, was später noch an Schrecklichkeiten folgte, wäre ohne die Schlachtereien der Jahre 1914 bis 1918 nicht denkbar gewesen: weder die Machtergreifung der Bolschewiki 1917 noch die Verbrechen des Stalinismus, weder die Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre, die in eine letztlich verheerende Depression mündeten, noch der Aufstieg des Nationalsozialismus, der in das Menschheitsdebakel des Zweiten Weltkriegs führte. Und das alles, weil die politischen und militärischen Eliten im Sommer 1914 eine Reihe verhängnisvoller Fehleinschätzungen trafen, wie Christopher Clark festhält:

"Der Erste Weltkrieg war auf jeden Fall ein Epochenbruch, und zwar der denkbar katastrophalste Epochenbruch. Natürlich müssen Epochen irgendwann zu Ende gehen und sie müssen immer mit Brüchen zu Ende gehen, sonst würden wir immer noch bei den alten Ägyptern sein, aber dieser Weltkrieg hat eine ungeheure Menge Gift ausgestoßen. Er hat die gesamte europäische Politik vergiftet, hat das gesamte internationale System desorganisiert, aus den Fugen gehoben. Dieser Krieg war meiner Ansicht nach die schlechtestmögliche Initialkondition für das 20. Jahrhundert. Hätte das 20. Jahrhundert, vor allem in der ersten Hälfte, schlimmer sein können, als es dann tatsächlich war? Ich kann mir kein schlimmeres 20. Jahrhundert vorstellen als das, was wir erlebt haben. Und das ist durch diesen Krieg zustande gekommen."

"Alle Großmächte tragen einen Teil der Verantwortung"

Christopher Clarks Buch wird allerorten als Sensation gefeiert. Die fulminante Studie des in Cambridge lehrenden Historikers wendet sich - damit keine Missverständnisse aufkommen – vor allem an ein Fachpublikum und nicht so sehr an die breite Leserschaft. Auf 890 Seiten inklusive Fußnoten analysiert Clark vor allem die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs und die Ereignisse der Julikrise 1914. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, so Christopher Clark, sei eine Tragödie, kein Verbrechen gewesen. Von einer Hauptschuld Deutschlands könne, anders als in der angelsächsischen Geschichtsschreibung der letzten Jahrzehnte immer wieder behauptet, keine Rede sein. Wer also trägt, Clarks Auffassung nach, die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs?

"Wenn man diese Frage stellt - und letzten Endes muss man irgendwann die Frage nach der Verantwortung stellen -, dann würde ich sagen: Alle Großmächte tragen einen Teil der Verantwortung am Ausbruch dieses Krieges", meint Clark. "Ich kann da keinen Hauptverantwortlichen erkennen. Ich sehe nur Entscheidungsträger, die bereit waren, mit dem Risiko eines Krieges zu spielen, zu arbeiten, und die nicht bereit waren, dem Krieg aus dem Weg zu gehen. Und dadurch ist es zu diesem Krieg gekommen. Nicht dadurch, dass eine Großmacht den Krieg vom Zaun gebrochen hätte. So einfach ist es nicht gewesen. Die Krise, die diesen Krieg hervorgebracht hat, war meines Erachtens nach das komplexeste Ereignis der modernen Zeit, vielleicht aller Zeiten."

Die Julikrise 1914

Es waren fünf Großmächte, inklusive Italien sechs, die miteinander in Realtime interagierten, ohne zu wissen, welche Ziele die jeweils anderen Akteure verfolgten. Dazu kamen Serbien und die kleineren Balkanstaaten, deren Bedeutung man in der Zeitgeschichtsforschung bisher eher heruntergespielt hat. Und natürlich das Ottomanische Reich, auch ein wichtiger Player im unüberschaubaren Spiel.

Aus dieser Gemengelage ergab sich eine ungeheure Komplexität. Dabei hatten die führenden Akteure selbst keinen Überblick über das Gesamtgeschehen, sie hatten im Grunde genommen keine Ahnung, welche Ziele und Strategien ihre Feinde, aber auch ihre Freunde verfolgten.

Die Julikrise 1914: Im Grunde die komplexe Ausformung eines klassischen "Prisoner's Dilemma", so Clark: "Absolut. Das kann man auch spieltheoretisch deuten. Das Vertrauen, auch innerhalb der Bündnisse, ist sehr gering, überall ist Misstrauen. Das System ist nicht durchschaubar, und: auch nicht vorhersehbar."

Kriegshetzer unter den Militärs

Auch wenn der Erste Weltkrieg mit seinen desaströsen Folgen von niemandem in dieser Form geplant und so gesehen eine Tragödie war: Nationalistische und militaristische Mentalitäten spielten dennoch eine zentral Rolle im Sommer 1914. Das räumt auch Christopher Clark ein:

"Unter den Militärs hat es natürlich Kriegshetzer gegeben, unter anderem den österreichischen Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf. Die Lösung, die Hötzendorf für politische Probleme angeboten hat, war immer Krieg, ob es gegen Nachbarländer wie Montenegro oder Serbien ging, oder gegen Russland und sogar gegen das angeblich verbündete Italien. Also, Hötzendorf war wirklich ein Kriegshetzer."

Aber, so Clark weiter: "Es gibt auch andere Fälle, etwas den deutschen Generalstabschef Moltke, dessen Handeln von aggressiver Paranoia gekennzeichnet war. Moltke schaut immer auf die Zahlen, zum Beispiel auf die Größe der russischen Streitkräfte. Daraus zieht er den Schluss: Die Zeit arbeitet gegen Deutschland. Das ist eine Haltung, die sie in vielen Hauptstädten finden: Die Zeit ist gegen uns, der Gegner wird in drei Jahren stärker sein als wir, wir müssen möglichst schnell eine Entscheidung herbeiführen und so weiter und so fort. Also, es gibt schon eine aggressive Stimmung, auch in Paris, wo man zum Beispiel vom General Castelnau hören kann, ein Krieg auf dem Balkan käme Frankreich gelegen, weil man dann mit russischer Beihilfe rechnen könne. Also, es gibt Stimmen dieser Art überall in Europa: in Deutschland, in Paris, in St. Petersburg, in Wien."

Gewalt unbekannten Ausmaßes

Der "Erste Weltkrieg" war der erste industrialisierte Massenkrieg der Geschichte – von seinen Dimensionen und den Opferzahlen her nicht zu vergleichen mit dem, was man im 18. und 19. Jahrhundert in Europa unter "Krieg" verstanden hat.

"Es besteht kein Zweifel, dass der Erste Weltkrieg in Europa Gewalt in einem Ausmaß hervorgerufen hat, wie das bisher nicht bekannt war", sagt Clark. "Natürlich gab es auch im 19. Jahrhundert Kriege, und man darf nicht vergessen, wie schrecklich diese Kriege auch waren, aber das waren verhältnismäßig kurze Konflikte. Was im Lauf des Ersten Weltkriegs dazukommt, ist eine Welle von Gewalt- und Gräueltaten gegen Zivilisten, und das ist, glaube ich, neu. So etwas hat es in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr gegeben."

In seinem Buch arbeitet Christopher Clark auf imposante Weise heraus, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist. Mit ungeheurer Sachkenntnis und der erzählerischen Pranke des geborenen Storytellers rekonstruiert der Cambridge-Historiker eines der düstersten Kapitel der europäischen Zeitgeschichte. "Die Schlafwandler": eine der aufsehenerregenden Neuerscheinungen dieses Herbsts.

Service

Christopher Clark, "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog", aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz, DVA