Globalisierung im 16. Jahrhundert

Kolumbus' Erbe

Die "Schwarze von Tula", eine ungewöhnliche Tomatensorte war es, die dem Freizeitgärtner Charles Mann den Anstoß zu seinem aktuellen Buch gab. Die "Schwarze von Tula" entdeckte er bei einer Ausstellung verschiedener Tomatensorten, wo man ihm erklärte, es handle sich um eine alte Sorte, die im 19. Jahrhundert in der Ukraine gezüchtet worden war.

Wie aber kam die ursprünglich aus Mexiko stammende Tomate in die Ukraine? Diese Frage führte Charles Mann schnell zu den Entdeckungsreisen des Christopher Kolumbus, zum Ursprung des transatlantischen und bald darauf auch transpazifischen Austausches.

Es begann mit La Isabela

Zu Jahresbeginn 1494 ging Kolumbus im Norden der heutigen Dominikanischen Republik auf der Karibikinsel Hispaniola an Land. Es war seine zweite Expedition über den Atlantik. Nach dem triumphalen Erfolg der ersten Expedition, von der seine Schiffe beladen mit Reichtümern zurückgekehrt waren, hatte er nun den Auftrag, einen ständigen Stützpunkt für weitere Eroberungsreisen in dem neu entdeckten Land zu schaffen. Kaum angekommen, gründete er La Isabela.

Der Kolonie war allerdings kein Erfolg beschieden. Schon fünf Jahre später wurde sie wieder aufgegeben, die Bauwerke zerfielen schnell, der Ort geriet in Vergessenheit. Zu Unrecht, schreibt Charles Mann. Denn die Gründung von La Isabela war der Beginn von Europas dauerhafter Inbesitznahme Amerikas - und zugleich leitete Kolumbus damit das Zeitalter der Globalisierung ein.

Export von Tabak und Malaria nach Europa

Tabak ist eines von vielen Beispielen von Transfers nach Kolumbus, über die Charles Mann schreibt. Der Erfolg des Tabaks brachte englische Investoren dazu, Anfang des 17. Jahrhunderts in große Tabakplantagen im heutigen US-Staat Virginia zu investieren. Für die Plantagen brauchte es Arbeiter, die ursprünglich ebenfalls großteils aus England kamen. Die meisten von ihnen überlebten ihre Reise allerdings nicht lange. Schätzungsweise 80 Prozent derer, die aus Europa kamen, starben nach kurzer Zeit. Todesursache: Malaria.

Auch der Malaria-Erreger war mit einem der Schiffe über den Atlantik eingeschleppt worden. Während die Europäer der Malaria reihenweise zum Opfer fielen, erwiesen sich viele Menschen aus Afrika immun gegen den Erreger. Das ebnete den Weg für den größten Menschenhandel der Geschichte. Aktuellen Schätzungen zufolge wurden zwischen 1500 und 1840 11,7 Millionen gefangene Afrikaner nach Amerika verschifft. In der gleichen Zeit sind etwa 3,4 Millionen Europäer emigriert. Auf einen Europäer, der in Amerika landete, kamen also drei Afrikaner. Das Ausbreitungsgebiet der Malaria in Amerika deckt sich nicht zufällig mit den Regionen, in denen sich der Sklavenhandel am längsten halten konnte: dem Gebiet vom Süden der USA bis Brasilien.

So viel räumt Charles Mann selbst ein. Um gleich im nächsten Satz zu relativieren: "Doch auch das wäre nicht völlig falsch."

Silber aus Lateinamerika nach China

Wem das zu einfach erscheint - Charles Mann macht seine Hypothesen mit viel Detailwissen zumindest plausibel. Und er beschränkt seine Untersuchung über das Erbe Kolumbus' keineswegs nur auf den transatlantischen Austausch. Was die Spanier in Lateinamerika vor allem fanden, war Silber. Dieses Silber brachten sie in großen Mengen heim ins Mutterland. Mindestens ebenso große Mengen waren aber für den Transport in die andere Richtung bestimmt. China hatte unersättlichen Appetit auf das glänzende Metall und tauschte es vor allem gegen Seide und Porzellan. Hauptumschlagplatz für die Waren war das heutige Manila auf den Philippinen. Die wichtigste Region für die Seidenproduktion und –verschiffung in China lag rund um die Stadt Yueyang am Unterlauf des Flusses Jangtse.

Kopien aus China

Auf der Zwischenstation, in Mexiko, entstand eine verarbeitende Industrie: Tausende von Webern und Schneidern fertigten Kleidung aus chinesischer Seide an und verkauften sie weiter in Amerika und über den Atlantik. Der nächste Schritt der Entwicklung hört sich sehr aktuell an, passierte aber schon im frühen 17. Jahrhundert.

Ein- und Ausfuhrverbote, spezielle Zölle und groß angelegter Schmuggel waren die Folge. Je mehr Silber die spanischen Händler offiziell oder als Schmuggelware anboten, desto mehr wurden chinesische Bauern angehalten, Maulbeerbäume für die Seidenraupen zu pflanzen.

Die Welt von heute

Gleichzeitig mit dem Silber kamen auch neue Pflanzen nach China, allen voran Tabak, Süßkartoffel und Mais. Sie stillten teilweise Lüste und Hunger, mit ihrem Anbau änderte sich aber nicht nur die chinesische Landwirtschaft, sondern auch die Landschaft - mit manchmal katastrophalen ökologischen Folgen wie Hangrutschungen und Überschwemmungen.

Die Ausbreitung von Tabak, Malaria, Sklaven aus Afrika, Silber, Süßkartoffel oder Tomaten - das sind nur einige Beispiele, die in "Kolumbus' Erbe" facetten- und anekdotenreich beschrieben werden. Für sein Buch sprach Charles Mann mit Historikern, las in aktuellen Forschungsberichten und durchforstete selbst Hunderte alte Chroniken und Dokumente. Er reiste um die Welt und besuchte viele der Orte, an denen Europäer vor rund fünfhundert Jahren das erste Mal Kontakt mit anderen Kulturen hatten.

Der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist hat gründlich recherchiert. Platz für wortreiche, aber inhaltsarme Ausschweifungen bleibt da keiner. Auf 650 dicht mit Information gepackten Seiten legt er anschaulich dar, "wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen".

Service

Charles C. Mann, "Kolumbus' Erbe. Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen", Rowohlt