Brasilien 2014 - Aufruhr und Aufbruch

Seit Donnerstag läuft die Fußball-WM und für kaum ein Land steht dabei so viel auf dem Spiel wie für den Veranstalter Brasilien. Zwei renommierte österreichische Historiker liefern jetzt das Hintergrund-Buch zur WM: "Brasilien 2014: Aufbruch und Aufruhr" heißt der von Gerhard Drekonja und Ursula Prutsch herausgegebene Band.

Blick auf Favela in Rio de Janeiro

(c) APA, JAEGER

Schon im Vorfeld der WM gab es ja massive Proteste gegen die Austragung und die Stimmung wird sich wohl nur entspannen, wenn Brasilien den Weltmeistertitel holt. Für die im Oktober anstehenden Präsidentschaftswahlen dürfte der Ausgang der Fußball-WM deshalb auch entscheidende Auswirkungen haben.

Brasilien hat in den letzten Jahren ja eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und ist zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Auch deshalb ist es an der Zeit, einen genaueren Blick auf ein Land zu werfen, das auch abseits des grünen Rasens mit einer beeindruckenden Offensiv-Taktik punkten kann.

Kulturjournal, 16.06.2014

Die ersten Tage der Fußball-Weltmeisterschaft sind schon wieder vorbei und dramatische Spiele, überraschende Sieger und jede Menge Tore ließen bisher keine Wünsche offen - außer vielleicht bei den Brasilianern, denn bereits im Vorfeld hatte die Großveranstaltung mit einem zweifelhaften Superlativ aufzuwarten: den exorbitanten Ausgaben für die WM, so die Lateinamerika-Expertin Ursula Prutsch.

2007 hatte die FIFA Brasilien zum Gastgeber der WM 2014 bestimmt. Damals stand das Land gerade am Höhepunkt seiner Konjunktur mit einem Wirtschaftswachstum von acht Prozent. Doch die Entwicklung vollzog sich nicht derart linear weiter, so Gerhard Drekonja. Seit 2003 regiert die sozialdemokratische Arbeiterpartei das Land, seit 2011 stellt sie mit Dilma Rousseff das erste weibliche Staatsoberhaupt in der Geschichte Brasiliens. Die Arbeiterpartei hat massiv in die Armutsbekämpfung investiert und das Gesundheits- und Bildungssystem gestärkt. Eines ihrer Probleme ist der politische Fleckerlteppich im Land.

Die neue Mittelschicht befürchtet - bedingt durch die WM - Kürzungen im Gesundheits- und Bildungswesen. Bisher ist es dazu noch nicht gekommen, ob das auch so bleibt, lässt sich derzeit jedoch nicht abschätzen, so Ursula Prutsch. Dilma Rousseff argumentiert, dass sie mit der Vielzahl an Stadienneu- und -umbauten die WM nicht nur in den Metropolen belassen, sondern sie zu einer Angelegenheit des ganzen Landes machen wollte. Gerade im amazonischen Hinterland entstanden dadurch aber megalomane Prestigebauten mit einer äußerst fragwürdigen Zukunft. In den Metropolen wiederum führte die Bautätigkeit rund um die WM zu massiven Veränderungen im Stadtbild und zu einer Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten. Die Demonstrationen finden aber schon lange nicht mehr nur auf der Straße statt, so Ursula Prutsch.

Gerade in Rio de Janeiro werden die Umwälzungen auch noch weiter gehen, denn hier sollen ja in zwei Jahren die Olympischen Sommerspiele über die Bühne gehen. Große Teile des historischen Hafenviertels hat man bereits abgerissen, nicht nur um Platz für Sporteinrichtungen, sondern auch für ein Museum der Zukunft zu schaffen. Solche Prestigebauten werten zwar die Umgebung auf, sorgen dadurch aber auch für einen Anstieg der Mieten und eine schleichende Gentrifizierung. Diese Entwicklungen werden natürlich zum Großteil der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff angekreidet. Im Hinblick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Oktober hat sie deshalb auch mit sinkenden Sympathiewerten zu kämpfen, so Ursula Prutsch.

Zum großen Feindbild hat sich aber die FIFA entwickelt, die in Brasilien mittlerweile als Kolonialmacht wahrgenommen wird, die dem Land ihre eigenen Gesetze aufzwingt. So wurde das in Brasilien herrschende Alkoholverbot in den Stadien aufgehoben, damit die FIFA-Sponsoren dort ihr Bier verkaufen können. Gleichzeitig wurde es den Straßenhändlern und Bars im Umkreis aber untersagt, Alkohol auszuschenken. Für Gerhard Drekonja stellen solche Eingriffe eine bedenkliche Entwicklung dar.

Bedenklich ist auch die geringe Aufmerksamkeit, die Brasilien von akademischer Seite zukommt. So wurde der Lateinamerika-Lehrstuhl nach der Emeritierung von Gerhard Drekonja 2008 nicht nachbesetzt und bis heute gibt es im gesamten deutschsprachigen Raum kein Institut für Brasilianistik.

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