Die "Café Sonntag"-Glosse von Karl Ferdinand Kratzl

"Können wir etwas gegen gefährliche Fanatiker unternehmen?", fragen sich zurzeit alle Wissenschaften. Die Verhaltensforschung braucht für diese Fragestellung Versuchstiere, die sich zu Fanatikern dressieren lassen. Wir haben Ratten genommen.

Unser Volk besteht aus 100 Versuchstieren. Es wird in einen Käfig gesperrt und nicht gefüttert. Die Natur erledigt den Rest. Das Volk beginnt sich aufzufressen. Nach einem Monat bleibt eine einzige Ratte über: der Rattenkönig! Ein Fanatiker, der alle Artgenossen für lebensgefährlich hält.

Rattenkönige können durch Lob (Futter) und Strafe (Stromstoß) dazu gebracht werden, dass sie eine andere Ratte belohnen oder bestrafen. Ich als Versuchsleiter habe das Anheben des rechten Vorderhaxls einer Ratte als Verbrechen definiert und dem Rattenkönig beigebracht, einer einfachen Ratte bei jedem Heben des rechten Vorderhaxls einen Stromstoß zu verabreichen.

Warum die vordere rechte Extremität?
1. Die rechte Hand wird von uns Fanatikern gern hoch ausgestreckt zum Gruß gehoben.
2. Mit der rechten Hand drückt man beim Erschießen eines Feindes ab.
3. Mit dem rechten Zeigefinger drückt der Staatschef den roten Knopf, der den Atomkrieg auslöst.

Nach spätestens einer Woche ist der Wille des Untertans gebrochen. Er schleppt sich verängstigt nur mehr auf drei Pfoten durch den Käfig. Fressen ist sein einziger Trost.

Wie entsteht nun ein Vorurteil gegen eigene Artgenossen? Eine Verteufelung, die alle Mittel rechtfertigt. Unser Rattenkönig kann darauf dressiert werden, bei unterschiedlich gefärbten Untertanen ausschließlich schwarze Ratten hinzurichten. Gebe ich so einen Schwarzen-Ratten-Hasser zu einem Versuchsvolk unterschiedlichst gefärbter Ratten, tötet er zuerst die Schwarzen, dann die Dunklen, später die Gescheckten und die Hellen. Der letzte übriggebliebene Delinquent ist immer eine reinweiße Ratte! Auch ein selbst reinschwarzer Fanatiker wird zuerst die schwarzen und zuletzt die schneeweiße Ratte hinrichten.

Zusammenfassung: Die ursprüngliche Frage "Können wir gegenwärtig etwas gegen Fanatiker unternehmen?" müssen wir mit einem "Nein" beantworten. Die Natur hat naturgemäß immer Recht!