Bibelessay zu Lukas 4, 21 – 30
Die Fallhöhe zwischen Anfang und Ende dieser Evangelienstelle ist enorm: Zuerst allgemeiner Beifall für Jesu Predigt – am Ende beinahe ein Lynch-Mord. Dazwischen so etwas wie ein Regelverstoß.
8. April 2017, 21:58
Ob bei einem Konzert, einer Theater-Vorstellung oder eben einer Rede – das letzte Wort hat in aller Regel das Publikum mit seinem Applaus oder seinen Buh-Rufen. Wenn dann – wie Jesus es tut – von der Bühne herab noch einmal nachgelegt wird, dann kommt das normalerweise nie gut an (abgesehen vielleicht von einer die allfällige Begeisterung des Publikums bestätigenden oder gar noch steigernden Zugabe; aber selbst auf eine solche Zugabe folgt noch einmal das Publikum mit seiner abschließenden Reaktion). Das Publikum will also das letzte Wort.
Genau darin gründet aber auch die potentielle Zwiespältigkeit jedes Beifalls: Applaus drückt in der Regel Zustimmung aus; er sagt aber wenig aus über die tatsächliche Qualität derselben. Die Zustimmung kann vollständig, vorbehaltlos und total aufrichtig sein – oder aber nur oberflächlich. Man kann sich mit beifälliger Zustimmung auch wunderbar selbst aus der Affäre ziehen und aus der weiteren, intensiveren Auseinandersetzung mit dem Gebotenen davonstehlen. – Genau das scheint in der geschilderten Szene des Evangeliums der Fall gewesen zu sein: Jesu Rede fand – wie es heißt – bei allen Beifall. Was die Leute dann aber weiter beschäftigt, ist gar nicht mehr der Inhalt der Rede selbst, sondern die bloße Tatsache, dass einer von ihnen – des Zimmermanns Josef Sohn, den alle kennen – so begnadet reden kann. Was Jesus gesagt hat, scheint bereits wieder vergessen und abgehakt zu sein.
Es gibt aber Situationen, in denen ein Vortragender, eine Künstlerin, in denen eine Rede oder Performance gerade nicht den Beifall sucht, sondern: ehrliche Betroffenheit und daraus resultierende Auseinandersetzung. Das gilt – so deute ich zumindest diesen sperrigen Evangelienabschnitt des heutigen Sonntags – das gilt unbedingt für das Wort Jesu: Es will nicht beklatscht, es will zu Herzen genommen und umgesetzt werden. Es will Leben verändern.
Dasselbe müsste übrigens auch für alle Predigten und Texte gelten, die Jesu Evangelium auszuloten versuchen. Man darf, man kann am Ende einer wirklich vom Geist des Evangeliums inspirierten Predigt niemals nur beifällig zustimmen – denn: Eine gute Predigt endet nicht mit ihrem Schlusspunkt; sie fängt dann doch eigentlich erst an.
