Lehrerdämmerung

Von dem reißerischen Titel des Buches "Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet" (C. H. Beck Verlag) sollte man sich nicht abschrecken lassen. Christoph Türcke liefert darin eine Reflexion auf philosophischer Basis, von Platon über Rousseau bis zu Nietzsche und Walter Benjamin, um dann die Kurve zu aktuellen Problemen zu schlagen.

Kontext, 15.3.2016

Kirstin Breitenfellner

Alle reden von Kompetenzen. Aber kaum jemand vermag zu sagen, was damit eigentlich gemeint ist. Kompetenzen suggerieren Nonkonformismus, Originalität und Kreativität. Bei näherer Betrachtung entdeckt Christoph Türcke dahinter aber das Gespenst der Flexibilisierung und damit des Neoliberalismus. Und viel mehr noch: eine neue Anthropologie, deren Ideal sich am vernetzten Computer orientiert. Er versucht nachzuweisen, dass Behaviorismus keineswegs, wie oft behauptet wird, passé ist, sondern lebendiger und erfolgreicher denn je.

Schüler brauchen mehr als Arbeitsblätter und deren Befüllung überwachendes Begleitpersonal, lautet Christoph Türckes Hauptthese, nämlich eine Person, mit der sie sich identifizieren, die sie lieben können. Erst dann werden ihre Neugier und ihr Interesse geweckt. Kreativität sei keine Kompetenz, die man wie das Einmaleins lernen könne, sondern ein Nebenprodukt gelungenen Lernens. Kompetent sein könne man für vieles, das man nur halb oder gar nicht verstanden habe und einfach wunschgemäß ausführe. Verstehen aber involviere und verändere die ganze Person.

Am Schluss steht der Aufruf an die Lehrer, sich nicht zu Kompetenzbeschaffungsgehilfen degradieren zu lassen und sich mit Rückgrat gegen die Flexibilisierungsrufe der neoliberalen Schulpolitik zu wehren. Türckes Buch ist kein Plädoyer für die Rückkehr zu autoritärem Frontalunterricht, sondern eines für einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame Zeit, für Wiederholung, Variierung, Anwendung und Vertiefung des Lernstoffs, seine Anverwandlung, die erst zu Kreativität befähigt.

Service

Christoph Türcke, "Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet", C. H. Beck Verla