Juden werden gezwungen die Straße aufzuwaschen

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Die Opfer der Märztage 1938

Während Adolf Hitler am 12. März feierlich in Österreich Einzug hält und von weiten Teilen der Bevölkerung stürmisch willkommen geheißen wird, wächst die Verzweiflung jener Menschen, die befürchten müssen, vom nationalsozialistischen Regime verfolgt zu werden.

Leopold Figl

Leopold Figl, später Bundeskanzler der Zweiten Republik. Er gehörte zu den Häftlingen des ersten Dachau-Transports.

In den ersten Tagen nach der Annexion Österreichs verdreifacht sich die Zahl der Suizide, rund 600 sind es in der ersten Woche. Etwas mehr als die Hälfte Jener, die den Freitod wählen, sind Jüdinnen und Juden, gefolgt von Unterstützern des austrofaschistischen Regimes.

Der staatlich organisierte Terror beginnt unmittelbar mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Umfassende Verhaftungswellen laufen an, bis Ende März steigt die Zahl der Inhaftierten auf 70.000 Personen. Bereits am 1. April 1938 werden vom Wiener Westbahnhof 150 Männer in das Konzentrationslager Dachau in Oberbayern deportiert. An diesen ersten Häftlingstransport aus dem "Lande Österreich", so der damalige NS-Jargon, erinnert heute eine Gedenktafel in der Bahnhofshalle. Unter anderem ist darauf zu lesen: " Dies war der Anfang - das Ende der Holocaust. Wehret den Anfängen!"

"46 von den 150 Häftlingen die damals nach Dachau deportiert worden sind, waren Juden. Geschäftsleute, Bankiers, bekannte jüdische Künstler oder sonstige bekannte jüdische Personen", sagt Winfried Garscha, Historiker am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Unter den Häftlingen des ersten Dachau-Transports sind außerdem unterschiedliche politische Gegner der Nazis: Funktionäre des so genannten Ständestaates, Sozialdemokraten und Kommunisten.

Beispielsweise Leopold Figl, damals Anführer der niederösterreichischen paramilitärischen Ostmärkischen Sturmscharen, Bauernbunddirektor und später Bundeskanzler der Zweiten Republik. Oder der Sozialdemokrat Karl Seitz, bis 1934 Bürgermeister von Wien. Viktor Matejka kam als christlicher Arbeiterkammerfunktionär in das KZ und wurde nach 1945 Wiener Kulturstadtrat der KPÖ. Im Gegensatz zu ihnen überleben der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Desider Friedmann und sein Stellvertreter Jakob Ehrlich das KZ Dachau nicht.

Spontane März-Pogrome

Die NS-Machtübernahme entfesselt den antisemitischen Wiener Mob. Es kommt zu tagelangen Plünderungen jüdischer Geschäfte und Betriebe. Jüdinnen und Juden werden gezwungen Parolen und Symbole der austrofaschistischen Diktatur von den Straßen Wiens zu entfernen, währenddessen werden sie von schadenfrohen Zusehern gedemütigt und geschlagen. Durch die Stadt hallen antisemitische Parolen. "Das fand in einem Ausmaß statt, dass sogar einige NS-Gewalttäter davon erschrocken waren, was sich hier abspielt. Andere wiederum haben das begrüßt und ausprobiert, wie lange man das laufen lassen kann", so Winfried Garscha.

Die spontanen Pogrome gegen Jüdinnen und Juden sollten kein Unikum bleiben: "Das ist ein Muster, das die Nazis später im ganzen Reich anwenden. Ganz schlimm war es in Lemberg, im Juli 1941. Zuerst lässt man den ukrainischen Mob wüten und dann erst, nach wenigen Tagen, greift die Besatzungsmacht ein. Und ganz ähnlich war es in Wien. Was hier damals an niedrigsten Instinkten ausgebrochen ist, war etwas, dass es bis dahin im ganzen nationalsozialistischen Machtbereich nicht gegeben hat."

Karl Seitz

Karl Seitz, bis 1934 Bürgermeister von Wien und einer der ersten Häftlinge die in das Konzentrationslager Dachau deportiert wurden.

Die linke Opposition ist bereits ausgeschaltet

Anders als in Deutschland, müssen die Nazis in Österreich die sozialdemokratische und kommunistische Opposition nicht mehr ausschalten. Das hatte bereits das austrofaschistische Ständestaatregime erledigt und neben linken Parteien auch freie Gewerkschaften verboten. Insgesamt werden im Jahr 1938 7800 österreichische Häftlinge in das KZ Dachau verschleppt. Das Nazi-Regime bereitet zwar auf Anordnung des obersten Kommandeurs der SS, Heinrich Himmler, seit 22. März ein KZ auf österreichischem Boden vor, der ersten Transport nach Mauthausen findet allerdings erst im August statt.

"Was die Verfolgung der NS-Gegner sicher begünstigt hat, ist die Repressionspolitik des Austrofaschismus in den Jahren zuvor, vor allem auch die polizeiliche Überwachung. Deren Anfänge wiederum setzen nicht erst 1933 an, sondern in der Ersten Republik", sagt Florian Wenninger vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte "Schoberkartei" der österreichischen Polizei. Diese ist nach dem ehemaligen Wiener Polizeipräsidenten benannt und fällt den Nazis in die Hände. Darauf verzeichnet sind all jene, die während des Austrofaschismus, aber auch bereits während der demokratischen Periode der Polizei aufgefallen waren. Häufig sind das Sozialdemokraten, revolutionäre Sozialisten und Kommunisten. Die Bevölkerung unterstützt die Verhaftungen von Jüdinnen und Juden, sowie von Regimegegnern durch die Nazis tatkräftig. Oft sind es Nachbarn, die auf die Wohnungen bzw. das Vermögen von Jüdinnen und Juden spekulieren, sie, bzw. politische Gegner an die Gestapo verraten.

Das NS-Regime macht aber auch Vielen, die im Austrofaschismus Repressionen erfahren hatten, ein Angebot, so Florian Wenninger: "Man bietet der politischen Opposition, soweit sie nicht jüdisch ist, an: Verhaltet euch still und kehrt zurück. Ein Beispiel ist die Aktion Neubacher. Das ist der Wiener Bürgermeister, der beispielsweise ehemalige Sozialdemokraten in die Wiener Kommunalbetriebe rückübernimmt, die ihre Anstellungen nach dem Februarkämpfen 1934 verloren hatten und Leute, die aus ihren Gemeindewohnungen gedrängt worden waren, wieder dorthin zurück lässt."

Österreichische Juden stellen sich vor dem polnischen Konsulat an

Österreichische Juden stellen sich im März 1938 vor dem polnischen Konsulat an, um Dokumente für die Ausreise aus Österreich zu bekommen.

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Flucht wird zunehmend erschwert

Nach der Machtübernahme der Nazis versuchen zehntausende Jüdinnen und Juden, sowie Gegner des NS-Regimes, zu fliehen. Unter ihnen sind auch der Schriftsteller Jura Soyfer und sein Freund, der Rechtsanwalt Hugo Ebner. Beide sind Kommunisten. Das Problem: Soyfer hat keinen gültigen Reisepass. Sie versuchen daher, es über die Vorarlberger Berge in die Schweiz zu schaffen, werden jedoch im Grenzgebiet aufgehalten. Ein Gendarm entdeckt in ihrem Gepäck eine Sardinenbüchse, die in eine vermeintlich illegale Gewerkschaftszeitung eingewickelt ist. "Die beiden kommen zunächst einmal in Feldkirch und in Bludenz in Haft und werden dann über Innsbruck in das KZ Dachau verbracht," so die Historikerin Claudia Kuretsidis-Haider vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.

In Dachau schreibt Jura Soyfer sein später berühmt gewordenes Dachau-Lied. Jura Soyfer und Hugo Ebner werden im Herbst von Dachau in das KZ Buchenwald überstellt, wo Jura Soyfer an Typhus stirbt, obwohl seine Entlassungspapiere bereits unterzeichnet waren. Hugo Ebner kommt frei, emigriert, kehrt nach Kriegsende aus dem Exil zurück. Seine "Kanzler Ebner" bemüht sich darum, die Pensionsansprüche von mehr als 8600 Jüdinnen und Juden durchzusetzen, die vom Nazi-Regime aus rassistischen Gründen vertrieben und verfolgt worden waren. Claudia Kuretsidis-Haider: "Mehr als 80 Prozent der Fälle, die die Kanzlei Ebner bearbeitet hat, sind positiv ausgegangen. Die Kanzlei hat vor allem in den 1970er und 1980er Jahren Bahnbrechendes geleistet, indem sie Musterprozesse geführt haben und damit Judikatur geschaffen hat."

Die Anwaltsakten der "Kanzlei Ebner" gelten als einzigartiger Quellenbestand, der über die demographische Struktur der vertriebenen jüdischen Bevölkerung Auskunft gibt. Bis zur Machtübernahme der Nazis ist Wien ein Zentrum jüdischer Kultur in Europa – auch wenn der Antisemitismus bereits in der Ersten Republik stark verbreitet ist. Bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 erlassen die Nazis über 250 antisemitische Verordnungen. Jüdinnen und Juden dürfen die öffentliche Infrastruktur nicht mehr nützen, ihren Beruf nicht mehr ausüben. Sie werden von den Hochschulen entfernt, ihre Betriebe und Geschäfte boykottiert.

Wer fliehen will, muss bald Höchstsummen zahlen, um seine Ausreise genehmigt zu bekommen – was oft die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz bedeutet. "Man geht davon aus, dass es sich ungefähr um eine Zahl von rund 130.000 Jüdinnen und Juden handelt, die flüchten konnten. Das heißt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Jüdinnen und Juden die Ausreise untersagt wurde, das war am 23. Oktober 1941." Bereits zuvor hatten die Deportationen aus Wien in die Ghettos und Vernichtungslager der Nazis begonnen. Insgesamt fielen annähernd 6 Millionen Juden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer, mindestens 66.500 davon waren aus Österreich.

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