Industriehalle

ORF/ANNA SOUCEK

Serbenhalle, Niederösterreich

Die Werkshalle am Stadtrand von Wiener Neustadt wirkt unscheinbar - trotz der riesigen Dimensionen von 300 Metern Länge, 70 Metern Breite und 30 Metern Höhe. Kaum bekannt ist die Geschichte des Bauwerks als Zwangsarbeitslager der Deutschen Rüstungsindustrie.

Raketenfabrik und KZ-Außenstelle

"Paradox ist, dass die Ausweitung des Konzentrationslager-Systems, weg von abseits gelegenen großen Hauptlagern, an denen man nicht täglich vorbeilief, in die industriellen Zentren, mitten hinein in dicht besiedeltes Gebiet, in Kleinstädte und in die Fabriken, keinen Zuwachs an Erinnerung produziert zu haben scheint", schreiben die Historiker Florian Freund und Bertrand Perz in ihrem 1987 erschienen Buch „Das KZ in der Serbenhalle: zur Kriegsindustrie in Wiener Neustadt.“

Es ist ein Bau mit gewaltigen Ausmaßen: 300 Meter Länge, 70 Meter Spannweite und 30 Meter Höhe hat die Stahlskelettkonstruktion mit unverputzten, verwitterten Ziegelausfachungen, gelegen an der stark befahrenen Pottendorfer Straße an den nordöstlichen Ausläufern von Wiener Neustadt.

„Und dennoch wollte man vergessen was hier passiert ist“, sagt Michael Rosecker, Historiker und Vorsitzender des Mauthausen Komitees Wr. Neustadt, der die „doppelte Repräsentanz der verbrecherischen Politik des Nationalsozialismus“ durch diesen Bau betont, denn zum einen verübte die deutsche Wehrmacht in der „Serbenhalle“ Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, zum anderen diente sie der deutschen Rüstungsindustrie als Zwangsarbeitslager.

  • Industriehalle

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  • Mauerwerk

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  • Fabrikstor

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In der serbischen Stadt Kraljevo, 150 Kilometer südlich von Belgrad gelegen, diente die Werkshalle ursprünglich der Herstellung von Eisenbahnwaggons. Als Vergeltungsmaßnahme für Partisanenaktionen wurden 1941 während der Massaker von Kraljevo und Kragujevac 1700 Zivilistinnen und Zivilisten an den Wänden der Halle von der deutschen Wehrmacht ermordet.

1942 wurde die Halle abgebaut, mit Eisenbahnwaggons nach Wiener Neustadt transportiert und auf dem Gelände der ehemaligen Wiener Neustädter Lokomotiv- und Maschinenfabrik von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen wieder errichtet.

Als "Außenlager" des Konzentrationslagers Mauthausen, diente die "Serbenhalle“ unter der offiziellen Bezeichnung "SS-Arbeitslager Wiener Neustadt" dem deutschen Rüstungskonzern Henschel und Sohn hier zur Kriegswaffenproduktion abseits der bereits vom Bombenkrieg betroffenen Rüstungszentren des "Altreichs“.

Hinter starkstromgeladenem Stacheldraht fertigten bis über 1.000 Häftlinge mehrerer Nationalitäten unter mörderischer Arbeitsausbeutung ab 1943 Teile des "Aggregats 4“, einer ballistischen Rakete, besser bekannt unter der von Propagandaminister Josef Goebbels ersonnenen Bezeichnung "Vergeltungswaffe 2“.

Gedenktafel

MICHAEL ROSECKER

Denkmal Serbenhalle

Nach ersten alliierten Bombenangriffen auf Wiener Neustadt wurde die Produktion der V2 abgezogen und das "SS-Arbeitslager Wiener Neustadt" später für die Herstellung von Lokomotivtendern und Marine-Artillerie genutzt.

Bei der Annäherung der Truppen der Roten Armee, Ende März 1945, wurden die Zwangsarbeiter zurück ins Konzentrationslager Mauthausen getrieben. Bei diesem Todesmarsch kamen viele der völlig entkräfteten Menschen ums Leben, wurden erschossen und verscharrt.

Große Teile des Werksgeländes wurden 1945 durch Bombenangriffe zerstört. Einzig die "Serbenhalle" überdauerte die Luftangriffe und wird heute als Lager und für Theaterproduktionen genützt. Seit 2005 erinnert ein formal ungewöhnliches Mahnmal an das Konzentrationslager in Wiener Neustadt. Auf der von kommerziellen Leuchtreklamen dicht gesäumten Pottendorfer Straße gestalteten der Künstler Markus Grabenwöger und der Historiker Michael Rosecker selbst eine Leuchtreklame wider die Geschichtsvergessenheit: Weiß auf Rot steht dort: "Immer irgendwer! Immer irgendwo! Immer irgendwann!" Ein Stück schwarzen Stacheldrahts bildet eine Zäsur, darunter steht: "Nie ich? Nie hier? Nie jetzt?"

Gestaltung und Text: Roman Tschiedl

Service

Karl Flanner, „Das Konzentrationslager im Rax-Werk Wiener Neustadt“, IVM 1998.

Florian Freund, Bertrand Perz, „Das KZ in der Serbenhalle. Zur Kriegsindustrie in Wiener Neustadt“, Verlag für Gesellschaftskritik 1987.

Brigitte Haberstroh, Maximilian Huber, Michael Rosecker (Hg.), „Stolpersteine Wiener Neustadt. Stadtführer des Erinnerns“, Verein Alltag Verlag 2011.

Denkmal Serbenhalle

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