Wohnpark Alt Erlaa

ORF/REINHARD SEISS

Wohnpark Alt Erlaa, Wien

Lange wurde der Wohnpark Alterlaa kritisiert als "Wohnmaschine für eine anonyme Masse" – so viele Einwohner auf so geringem Raum, das müsse Probleme verursachen. Das meinten die Außenstehenden. Von den Bewohnerinnen und Bewohnern der sechs Wohnblöcke selbst wurde ihr Zuhause stets standhaft verteidigt. In den letzten Jahren ist die Wohnanlage aus den 1970er Jahren zu einem Architektur-Hit avanciert.

Schwimmbad mit Stadtblick für glückliche Menschen

Anna Soucek

Eingang zur Siedlung Alterlaa, Am Tor steht "B4 WEST B3"

„Die Grundparameter, die Menschen an ihrem Wohnort suchen, spielen uns die durch Besitz und Macht Privilegierten aller Zeiten eigentlich seit Jahrtausenden unverändert und in allen Kulturen gleich vor.“

Zu diesen Grundparametern, die der 2016 verstorbene Architekt Harry Glück zu Maximen seiner Entwurfsarbeit machte, gehören: Nähe zu Wasser, Zugang zur Natur und Gemeinschaft mit den Nachbarn bei größtmöglicher Privatsphäre. All das wollte er mit seiner Architektur nicht nur den „durch Besitz und Macht Privilegierten“ bieten, sondern möglichst vielen Menschen. "Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl!", lautete seine Formel.

Bei Umfragen über die Wohnzufriedenheit schneidet ausgerechnet das mit über 3.000 Wohnungen bei weitem größte Bauprojekt, das Harry Glück leitete, stets hervorragend ab: der Wohnpark Alt Erlaa in Wien-Liesing. Rene Prassé lebt mit seiner Frau seit über vierzig Jahren hier. Baubeginn war 1973, der letzte Wohnblock wurde 1985 besiedelt. Die Fluktuation der Bewohner ist erstaunlich gering, entsprechend habe sich „der Rollatorverkehr in der Garage“ erhöht, meint Prassé. Jedoch würden auch bereits die Kinder und Enkelkinder der Erstbezieher nachziehen, so der Pensionist.

Der Wohnpark Alt Erlaa besteht aus einem Einkaufszentrum, einer Kirche, verschiedenen Nebengebäuden und den sechs sich nach oben verjüngenden Türmen mit bis zu 27 Stockwerken. Die markanten Blocks stehen in großzügigem Abstand zu einander und beherbergen fast 10.000 Menschen. Jede Wohnung ist mit einer begrünten Terrasse oder einer Loggia ausgestattet. Es gibt zahlreiche Gemeinschaftsräume in jedem einzelnen Block, etwa ein Hallenbad oder auch ein – für Glücks Wohnbauten charakteristische – Schwimmbecken am Dach. Die Erschließungswege sind weniger attraktiv, gedrungen und ohne Tageslicht. Aber es sind eben nur Durchgangsorte; Die Kommunikation zwischen den Nachbarn findet – wenn gewünscht – andernorts statt.

Die Wohnpark-Bewohner identifizieren sich erstaunlich stark mit der Anlage, von „gelebter Nachbarschaft“ wird geschwärmt; und sie sind hervorragend organisiert. Es gibt einen eigenen Fernseh-Sender und zahlreiche Hobby-Clubs. Seit Beginn gibt es einen Mieterbeirat, was bei anderen kommunalen Wohnbauprojekten erst später eingeführt wurde.

  • Wohnpark Alterlaa

    Privater Freiraum für jede Wohnung

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Terasse des Wohnparks Alterlaa

    Auf der Dachterrasse

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Blick von der Terasse des Wohnparks Alterlaa

    Der Blick über die Stadt Richtung Kahlenberg

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Blick von der Terasse in den Park

    Wer in Alterlaa lebt, ist besser schwindelfrei

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Hauseingang

    Rene Prassé ist Kunstliebhaber und Bewohner der ersten Stunde

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Wandgemälde vo Alfred Hrdlicka

    Alfred Hrdlicka war einer von zahlreichen Künstler/innen, die Werke für die Foyers geschaffen haben

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Postzustellung

    Mülltrennung war von Anfang an in Alterlaa Thema

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Innenraum einer modernen Kirche

    Die Wohnparkkirche wurde im Jahr 1983 eingeweiht.

    ORF/ANNA SOUCEK

  • Die Kirche der Siedlung, von außen gesehen. Im Hintergrund die Hochhäuser.

    Geplant wurde die Wohnparkkirche von Architekt Thomas Reinthaler

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Schrägansicht der Häuserfassade mit Balkonen

    Die Nachbarschaft ist durch starken Zusammenhalt geprägt

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Die Vordächer des Atriums aus der Froschperspektive gesehen.

    Der Blick aus dem Einkaufszentrum

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Das Atrium. Darin gehen Menschen und es parken ein paar Autos. In der Mitte stehen 2 Bäume.

    Die Nahversorgungsdichte macht aus Alterlaa eine Stadt in der Stadt

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Ein dunkler Durchgang.

    Für viele gibt es keinen Grund, den Wohnpark zu verlassen

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Wohnpark Alterlaa

    Der Wohnpark ist tatsächlich ein Park

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Ein Abgang ins Untergeschoss.

    Der Park ist auf dem Dach der Parkgarage entstanden

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • Eingang zur Schule der Stadt Wien in der Siedlung Alterlaa

    Auch die Kinder müssen den Wohnpark nicht verlassen

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

  • U-Bahnstation

    Seit 1979 verfügt der Wohnpark eine eigene U-Bahnstation

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

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Trotz der in Wien verankerten Tradition der Gemeindebauten: Die liebste Wohnform, sagte Harry Glück in einem TV-Interview 1975, sei das Einfamilienhaus, mit eigenen Grünflächen, frei gestaltbar – und für viele unerschwinglich. „Wir haben daher hier eine Wohnform zu realisieren versucht, die in etwa dem gestapelten Einfamilienhaus entspricht. Das heißt: Jede Wohnung hat einen der Wohnung zugehörigen Freiraum. Und von dieser Terrasse aus geht der Blick auf den großen, bepflanzten Gartenhof. Wir bieten den Leuten also sehr viel von den Charakteristika, die das Einfamilienhaus aufweist.“

Darüber hinaus bietet der Wohnpark aber auch eine gemeinschaftlich genutzte Freizeitinfrastruktur, sowie eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr. So gilt der Wohnpark Alt Erlaa heute – nach einstigen Anfeindungen von Glücks Architektenkollegen – nicht nur wegen des Komforts für den Einzelnen als Musterbeispiel für sozialen Wohnbau am Stadtrand. Aus der lange als anonymes Massenquartier verrufenen „Stadt in der Stadt“ ist ein in Architekturkreisen gefeiertes, wegweisendes Modell geworden.

Gestaltung und Text: Anna Soucek

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Wohnpark Alt Erlaa

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