Aufgang zur Hauptbücherei

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Hauptbücherei Wien

Am Urban-Loritz-Platz in Wien kreuzen sich drei Straßenbahnlinien, links und rechts auf dem Gürtel tost der Verkehr, darunter fährt alle paar Minuten eine U-Bahn ein und aus. Dieser Ort, für den die Stadt Wien 1998 einen Wettbewerb für den Neubau der Hauptbücherei ausschrieb, ist ein schwieriger.

Lesen über dem Gürtel

Sonja Bettel

Der Wiener Architekt Ernst Mayr war trotzdem sofort interessiert, als er von der Ausschreibung erfuhr: "Ich habe mich aufs Fahrrad gesetzt, bin hergefahren und habe mir das Grundstück und die begrenzenden Mauern von Otto Wagner angeschaut, und dann sind schon erste Ideen gekommen. Das hat dazu geführt, dass das Tragwerk des Gebäudes, abgesehen von der Idee der Form, aus dem Otto Wagner-Raster entwickelt wurde."

Ernst Mayr entwarf ein 150 Meter langes Bücherschiff, das sich auf Stahlbetonsäulen erhebt und damit den Blick auf die denkmalgeschützte Stadtbahnstation ermöglicht. Die Terrakotta-Fassade gibt dem Gebäude Eleganz und schluckt den Lärm. Des Architekten zweiter Gedanke ging zur imposanten Freitreppe der Villa Malaparte auf Capri, einer Ikone der modernen Architektur der 1930er Jahre: "Dieses Grundmodell war in der Sekunde die Idee, dass man von Urban Loritz Platz kommend über eine Freitreppe und eine öffentliche Terrasse ein Gebäude macht, das wie eine Skulptur in der Situation drinnen liegt - nach außen geschlossen, unten offen, wo durch das Einladende der Treppe die Leute hinauf gehen und das Gebäude entdecken wollen und Schwellenängste abgebaut werden."

  • Das Gebäude der Wiener Hauptbibliothek am Gürtel

    Das Gebäude der Wiener Hauptbibliothek am Gürtel

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  • Eingangsbereich der Hauptbücherei

    Hinunter geht es zur U-Bahn, hinauf zur Bücherei

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  • Seitenansicht der Hauptbücherei

    Form und Farbgebung erinnern an die Villa Malaparte auf Capri

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  • Lesebereich

    Aus dem Lesesaal blickt man über Wien ...

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  • U-Bahnen von oben

    ...und auf die U-Bahn

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  • Bücherwände

    Nach außen verschlossen ...

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  • Lesesaal

    ... im Inneren Wohnzimmeratmosphäre

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  • Bücherregale

    Das vielfältige Angebot ist ...

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  • Schild mit der Aufschrift "ErstleserInnen"

    ... auf verschiedene Zielgruppen zugeschnitten.

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  • Computerbildschirme

    Die Internetgallerie

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  • Wegweiser

    Am Dach locken verschiedene Angebote

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  • Dachlandschaft

    Vom Sommerkino ...

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  • Dachgarten

    ... bis zum Sommerspritzer.

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  • Zwei Menschen blicken über die Stadt

    An lauen Abenden ...

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  • Blick von oben auf die Stadt

    ... dient die große Freitreppe als Aussichts- und Treffpunkt

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  • Flugdach

    Das Flugdach überspannt die Straßenbahnstationen am Wiener Gürtel

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Tatsächlich wurde die die steile Freitreppe nach der Eröffnung der Hauptbücherei im April 2003 sofort von der Bevölkerung in Besitz genommen. Das geschwungene Membrandach vom Architekturbüro Tillner und Willinger, das die Straßenbahnhaltestellen am Platz umfasst, wurde für die Treppe ein wenig verlängert. Oben auf der Terrasse kann man Kaffee trinken und im Sommer Kinofilme anschauen. Im Winter gelangt man direkt aus der U-Bahnstation über Rolltreppen oder Stiegen in die Bücherei.

Drinnen ist es geradezu kontemplativ still. Frei stehende Bücheregale, Holztäfelung, Teppichböden, bequeme Polstermöbel und Nischen mit Arbeitstischen erzeugen eine wohnliche Atmosphäre. Für Architekt Ernst Mayr hat die Bücherei den Charakter einer Arche - außen verschlossen, innen wohnlich und offen mit einzelnen Blickbezügen nach draußen. Er ist stolz darauf, dass junge Menschen aus dem benachbarten 15. Bezirk, vor allem aus türkischstämmigen Familien mit geringem Einkommen, in Kürze die Bibliothek für sich entdeckten und sich dort gerne zum Lesen und Lernen aufhalten. In einer Zeit, in der das Buch aufgrund der Konkurrenz durch das Internet totgesagt wurde, ist das eine bemerkenswerte Leistung.

Blick über Wien

Eine Bücherarche mit Brückenfunktion

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Die Hauptbücherei Wien hat den Un-Ort Gürtel zwischen achtem und 15. Bezirk aufgewertet und kann mit Recht zu einer Reihe bedeutender Bibliotheksgebäude neuen Typs gezählt werden, die seit der Jahrtausendwende weltweit entstanden sind.

Gestaltung

  • Sonja Bettel

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