POLYFILM
Kino
Spröde Romantik in den Gängen
Ein Großmarkt, eine Art Supermarkt für Großkunden, ist der Schauplatz des deutschen Films "In den Gängen". Dort findet auch ein junger ehemaliger Strafgefangener wieder Anschluss an die Gesellschaft und vor allem die große Liebe. In den Hauptrollen sind Franz Rogowski und Sandra Hüller zu sehen.
23. Juni 2018, 02:00
Mittagsjournal | 23 05 2018
Arnold Schnötzinger
Kulturjournal | Gespräch mit Regisseur Stuber
Die Vergangenheit ist düster, doch die Zukunft soll heller sein. Das hat sich der Ex-Häftling Christian (Franz Rogowski) fest vorgenommen. Ein Großmarkt im Osten Deutschlands, wird zur Resozialisierungsanstalt: Getränkekisten einsortieren, erste Versuche mit dem Stapler, Lebensmittel entsorgen, Pause machen, etwa mit Marion (Sandra Hüller) von der Süßwarenabteilung. Verstohlene gegenseitige Sympathie bahnt sich ihren Weg.
Atmosphäre des Bedrohlichen
An der Oberfläche scheint es gut zu laufen für Christian, doch darunter rührt Regisseur Thomas Stuber eine Atmosphäre des Bedrohlichen an, des möglichen Scheiterns: Marion, so stellt sich heraus, ist verheiratet, Christians einstige kleinkriminelle Proleten-Gang randaliert im Markt und der geborene Staplerfahrer ist Christian auch nicht: Hindernisse in den Gängen.
Nichts weniger als das Kollidieren von Traum und Wirklichkeit in der ostdeutschen Provinz hat Regisseur Thomas Stuber im Sinn: "Den Zusammenbruch der DDR halte ich für erzählt im Kino, mich interessieren vielmehr die Lebenswelten, Orte und Menschen der Post-Wende-Zeit."
Palmen und Sonnenuntergang?
Für diese Orte und Lebenswelten, für die emotionale Zerrissenheit seiner Figuren, ihre soziale Verlorenheit findet Thomas Stuber treffende Bilder. Im Pausenraum klebt eine Südseeflair-Tapete, Palmen und Sonnenuntergang. Ausgebleicht. Ein Bildmotiv als Sehnsuchtsort des Kleinbürgers; es wird immer wiederkehren - etwa als Puzzle, in das Christian Teile einsetzen will, keines aber will so recht passen. Und das Meeresrauschen auf der Tonspur - stets wenn es um Marion geht - lässt den Wunsch nach Ausbruch und Freiheit erahnen, stößt aber schnell auf die Grenzen des Großmarkts.
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Ungeahnte Poesie
Doch der Film "In den Gängen" ergeht sich keineswegs in der Melancholie der Trostlosigkeit oder in der Stilisierung von Schmucklosigkeit. Im Gegenteil: Regisseur Stuber lässt eine spröde Romantik zwischen zwei Menschen entstehen, ringt dem Großmarktalltag ungeahnte Poesie ab: als schüchterne Blicke durch Regale, im Gefrierraum zwischen Tiefkühlpizza und Fleischbergen, als stilles Innehalten auf Plastikstühlen bei der Weihnachtsfeier. Auch so kommt ein Leben wieder in die Gänge.
Gestaltung
- Arnold Schnötzinger