Zeitgenössische Darstellung von Hölderlin

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Friedrich Hölderlin - Dichter in dürftiger Zeit

"Was bleibet aber, stiften die Dichter", heißt es in Friedrich Hölderlins Gedicht "Andenken". Was er in seinen Gedichten, dem Briefroman "Hyperion" und dem Dramenprojekt "Empedokles" gestiftet hat, zählt zu den Höhepunkten der deutschen Literatur und hat die moderne Poesie entscheidend beeinflusst.

In seinem Zeitalter war Hölderlin jedoch ein Unzeitgemäßer. Schon auf Goethe wirkte er "etwas gedrückt und kränklich", sich selbst bezeichnete er als "einen armen Unberühmten". Hölderlins Briefroman "Hyperion" wurde kaum beachtet, und seine finanzielle Situation war durchaus prekär.

Der Beginn der intellektuellen Laufbahn Hölderlins verlief vielversprechend: Der höchst sensible Dichter besuchte mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling das Tübinger Stift. Drei zentrale Gestalten des deutschen Idealismus, die später völlig unterschiedliche Entwicklungen durchliefen, entfalteten ein gemeinsames Philosophieren - eine "Symphilosophie" - auf höchstem Niveau.

"O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt!"

Diese Symphilosophie bestimmte das gesamte dichterische und philosophische Werk Hölderlins. Der Ausgangspunkt war für ihn das Sein - jener Urgrund, aus dem sich alles entfaltet hat. "Eins zu sein mit Allem, das ist das Leben der Gottheit, das ist der Himmel der Menschheit", so heißt es zu Beginn von Hölderlins Roman "Hyperion". Das Sein verstand Hölderlin als die Einheit der Vielheiten, in der sich die Gegensätze, die das menschliche Leben prägen, in einer harmonischen Einheit aufheben. Es ist dies ein Zustand, in dem Empfindungen, Fantasien und Gedanken noch miteinander vernetzt sind: "O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt!"

Von dieser Prämisse des Absoluten ausgehend, erschien Hölderlin seine Epoche als "dürftig". Im Briefroman "Hyperion" finden sich heftige Attacken gegen das berechnende, zweckrationale Denken der Deutschen: "Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, unfähig jedes göttlichen Gefühls. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen."

"Bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte und vertrockne an der Mittagssonne."

Der Dichter hat nunmehr die Aufgabe, die Utopie eines künftigen Zeitalters hymnisch zu entwerfen, in dem eine neue allumfassende Gottheit herrscht – eine Gottheit, in der Schönheit, Natur und Intellekt vereint sein werden. Solch eine Sphäre wäre der Schauplatz einer Lebensweise, die nicht durch Vorschriften von dogmatischen Lehrmeinungen jeglicher religiösen, politischen oder philosophischen Provenienz eingeengt würde; es wäre dies "eine Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen würden".

Hölderlins Utopie eines absoluten, ozeanischen Seins war zum Scheitern verurteilt, das bereits in "Hyperion" angedeutet wird. Dort beklagt sich der gleichnamige Protagonist über den Verlust des "Urgrundes des Seins", für den er die menschliche Reflexion verantwortlich macht. "Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte und vertrockne an der Mittagssonne."

Die Reflexion vertreibt den Menschen aus dem paradiesischen "Ur-Zustand" und setzt ihn dem Dressurakt der Rationalisierung aus, der zur Unterdrückung der Triebe, der Emotionen, der Fantasie und der Träume dient. Hat man, wie Hyperion, das absolute Sein erlebt, wird das menschliche Leben in eine Verfallsgeschichte transformiert.

"Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!"

Eine Verfallsgeschichte erlebte auch Hölderlin. Er erlitt 1806 einen völligen psychischen Zusammenbruch und lebte 37 Jahre im Haushalt einer verständnisvollen Tischlerfamilie in Tübingen.

Dort verbrachte er die Tage – mit unaufhörlichem Gehen, Gestikulieren, Schreianfällen, Echolalien und Wutausbrüchen. Manchmal schrieb er noch kurze Gedichte, die er mit Scardanelli signierte: "Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen/Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen/April und Mai und Julius sind ferne/Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

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