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STEPHEN WYCKOFF

Politik der Bilder - Olaf Nicolai in der Kunsthalle

In der Wiener Innenstadt ist der deutsche Konzeptkünstler Olaf Nicolai seit längerem präsent. Er zeichnet für den Entwurf des Denkmals verantwortlich, das seit 2014 am Ballhausplatz an hingerichtete Deserteure der Wehrmacht erinnert. Jetzt hat Nicolai ein Ausstellungskonzept geschaffen, das verschiedene mediale Kanäle bespielt. In der Kunsthalle Wien ist ab morgen die Werkschau "There Is No Place Before Arrival" zu sehen.

Morgenjournal | 12 07 2018
Christine Scheucher

Helene Weigels Auto vor dem Burgtheater Wien

DAVID AVAZZADEH

Helene Weigels Auto vor dem Burgtheater Wien

Ein parkender Mercedes Baujahr 1967 vor dem Burgtheater, kunstvolle Darstellungen von Straßenmalerinnen, die in Zeitungen und Magazine abgedruckt werden: Die Bilder dieser Ausstellung lassen sich in keinen White Cube sperren, sie strahlen in den öffentlichen und medialen Raum aus.

Der deutsche Künstler Olaf Nicolai, der durch seine mehrmalige Teilnahme bei Großausstellungen wie der documenta und der Venedig-Biennale bekannt ist, hat ein Ausstellungskonzept geschaffen, das verschiedene Orte, aber auch mediale Kanäle bespielt. Kommandozentrale des Projekts ist die Kunsthalle Wien.

Abwesenheit der Bilder zelebriert

Diese Schau zelebriert die Abwesenheit der Bilder, denn zumindest auf den ersten Blick ist nicht viel zu sehen im 1200qm großen Ausstellungsraum der Kunsthalle Wien. Wer die Bilder der Werkschau "There Is No Place Before Arrival" wahrnehmen will, muss den Blick senken. Am Boden nämlich befinden sich Darstellungen von Straßen- und Theatermalerinnen.

"Ein bestimmtes Wissen kann ein Bild massiv verändern."

Beauftragt vom deutschen Konzeptkünstler Olaf Nicolai haben sie 22 Straßenbilder gemalt und einen großräumiger Bildteppich geschaffen, der übrigens auch betreten werden darf. Als Vorlage dienten Pressebilder, die in Zeitungen und Zeitschriften abgebildet gewesen sind. Die Sujets stammen aus dem Privatarchiv Olaf Nicolais: "Ich habe diese Bilder übersetzen lassen. Ich wollte nicht, dass sie eins zu eins übertragen werden. Man hätte sie ja zum Beispiel auch fotografieren und vergrößern können. Mir ist es wichtig gewesen, dass sie in ein anderes Medium übersetzt werden, ein Medium, das man aus dem urbanen Kontext kennt. Dadurch entsteht im Ausstellungsraum eine Situation, die an öffentliche Räume erinnert."

Bildpolitik und Medienwechsel

Olaf Nicolai nimmt die medial zirkulierenden Bilder in den Blick, die unser Bewusstsein umspülen. In der Ausstellung "There Is No Place Before Arrival" sieht man zum Beispiel ein fast monochromes Bild, auf dem eine verschneite Berglandschaft dargestellt ist, ein erhabenes Naturspektakel, das die Ästhetik eines abstraktes Gemälde entfaltet. Wer die Geschichte hinter der Abbildung kennt, wird dieses Bild jedoch anders sehen. Es zeigt die letzte Spur, die sechs abgestürzte Rekruten im Schnee hinterlassen haben, bevor sie tödlich verunglückt sind. "Wenn ich das weiß, sehe ich dieses Bild nie wieder so wie ich es zuerst gesehen habe", sagt Olaf Nicolai. "Das heißt, ein bestimmtes Wissen kann ein Bild massiv verändern."

"Bilder bilden Realität nicht ab, sondern konstruieren sie."

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STEPHEN WYCKOFF

Olaf Nicolai interessiert sich für die Bildpolitik, die Medien, Machthaber, Unternehmen, aber auch der Einzelne betreiben. Bilder, so Nicolais medienkritische Prämisse, bilden Realität nicht ab, sondern konstruieren dieselbe. Das zeigt sich umso deutlicher in einer Zeit, in der die viel zitierte Visualisierung der Kommunikation mit großem Tempo voranschreitet und immer mehr Menschen täglich das Smartphone zücken und sich in den sozialen Netzwerken mit Hingabe der Bebilderung ihres Alltages widmen.

Dass diese visuellen Selbstbespiegelungen meist an die Sprache der Werbung erinnern, sagt viel aus über unsere Kultur. "Wenn man genauer hinschaut, ist es eine Kommunikation, die zu einem großen Teil mit einer Kommerzialisierung verbunden ist", sagt Olaf Nicolai. "Die Leute sehen fast überall das Gleiche. Sie tauschen sich - wenn sie glauben, gewisse Gefühle ausdrücken zu müssen - fast mit identischen Bildern aus."

Dienstwagen des Berliner Ensembles 1967

Für die Ausstellung "There Is No Place Before Arrival" hat Olaf Nicolai Bilder aus den medialen Distributionskanälen gefischt, und sie im musealen Kontext verfremdet. Während der Laufzeit der Ausstellung werden diese Bilder nun wiederum in verschiedenen Medien abgedruckt. Kooperationspartner sind unter anderem das Nachrichtenmagazin "profil", die Stadtzeitung "Der Falter" oder das Wirtschaftsmagazin "brandeins".

Doch die Ausstellung pflanzt sich nicht nur im medialen Raum, sondern auch im öffentlichen Raum fort. Halten Sie die Augen offen! Ein Mercedes Baujahr 1967 wird dieser Tage abwechselnd vor dem Burg- und Volkstheater parken. Im gesellschaftspolitischen Wendejahr 1967 besang Hippie-Ikone Janis Joplin die deutsche Luxuskarosse als Inbegriff des Konsumkapitalismus. Das hinderte Bertolt Brechts Witwe Helene Weigel nicht daran, im selben Jahre im kommunistischen Ost-Berlin einen Mercedes als Dienstwagen für das Berliner Ensemble anzuschaffen. Und dieser darf nun in Wien einige Runden drehen. Das Bild ist die Botschaft.

Service

Kunsthalle Wien - Olaf Nicolai. There Is No Place Before Arrival
13. Juli bis 7. Oktober 2018

Gestaltung

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