Asli Erdogan

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"Man kann hier nicht schreiben, ohne sich die Hand zu verbrennen."

Asli Erdogan und die Repressionen in der Türkei.

"Über 50 Polizisten mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen sind in meine Wohnung gestürmt. 'Hände hoch, keine Bewegung!' Aber hätten sie wirklich geglaubt, dass ich Mitglied einer Terrororganisation wie der PKK bin, der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, dann hätten sie mich viel schlechter behandelt. Sie haben mich nicht körperlich angegriffen. Für mich war das ein klares Zeichen – alles nur Show, um Angst zu machen."

Die Verhaftung

Im August 2016 wird Asli Erdogan in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen. Der Vorwurf: Die Schriftstellerin und Journalistin sei Mitglied einer illegalen Terror-Organisation, sie zerstöre die Einheit und Integrität des Staates. Ein Witz, ein Missverständnis, dachte sie damals. Asli Erdogan ist zu dieser Zeit im Beirat der pro-kurdischen Zeitung Özgür Gündem, für die sie auch regelmäßig Kolumnen verfasst. Zeitgleich werden über 20 weitere Mitarbeiter/innen dieser Zeitung verhaftet. Davor hatte die Staatsanwaltschaft die Schließung von Özgür Gündem angeordnet.

Die Autorin wird über vier Monate lang inhaftiert und im Dezember nach internationalen Protesten wieder freigelassen. Erst ein dreiviertel Jahr später, im September 2017, erhält sie ihren Pass zurück und darf aus der Türkei ausreisen. Seither lebt sie in Deutschland im Exil. Die Anklage gegen sie besteht allerdings nach wie vor.

"In diesem Land gibt es keine politischen Gefangenen. Jeder ist ein Terrorist", kommentiert Asli Erdogan die Verhaftungswelle seit dem Putschversuch im Juli 2016. Auch 1980 haben die türkischen Streitkräfte mit einem Putsch ins politische Geschehen eingegriffen. Das Militär sah und sieht sich als Garant jener säkularen, modernen, nach europäischem Vorbild errichteten Republik, die General Mustafa Kemal Atatürk Anfang des 20. Jahrhunderts begründet hatte.

"Es herrscht Willkür"

Dem Putsch in den 1980er Jahren war eine instabile innenpolitische Phase vorangegangen. Wirtschaftliche Instabilität sowie Terrorakte durch das extrem rechte und linke politische Spektrum. Hunderttausende Menschen wurden festgenommen, zahlreiche Menschen hingerichtet. Nach drei Jahren beendete die türkische Militärführung ihre Diktatur und ließ wieder demokratische Wahlen zu.

"Auch nach dem Putsch in den 1980er Jahren wurden linke Oppositionelle verhaftet", kommentiert Asli Erdogan, "aber sie waren nicht überrascht. Sie engagierten sich ja tatsächlich in linken Bewegungen. Ja, man wurde damals auch Verbrechen beschuldigt, die man nicht begangen hatte. Unter Folter wurden falsche Geständnisse erzwungen. Aber die Leute wussten, dass sie gefährdet sind, weil sie Mitglieder dieser oder jener Organisation waren. Viele von ihnen mussten dafür ins Gefängnis."

Heute herrsche Willkür, sagt die Autorin. Die Regierung beschließe, jemanden zu verhaften, setze ihn auf eine Liste – und der Staatsanwalt finde eine fadenscheinige Anklage für die Festnahme. Seit 2016 sind laut Amnesty International mehr als 70.000 Menschen mit Gefängnisstrafen belegt und über 130.000 Lehrer/innen, Universitätsprofessor/innen, Justizbeamte und Polizisten entlassen oder suspendiert worden. Über 150 Journalist/innen sind im Gefängnis. In der Rangliste von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 157 von 180 untersuchten Ländern.

"Das Düstere in meiner Literatur hat eben damit zu tun, dass ich meine Wurzeln in dem düsteren Boden dieses Landes habe."

Asli Erdogan

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Asli Erdogan

Asli Erdogan, Jahrgang 1967, zählt zu den wichtigsten türkischen Autorinnen der jüngeren Generation. Bevor sie sich der Literatur zuwendet, studiert Asli Erdogan, die als hochbegabt gilt, an der englisch-sprachigen Bosporus-Universität Informatik und Physik. Sie verfasst ab den 1990er Jahren als eine der ersten türkischen Studentinnen ihre Masterarbeit über das Higgs-Boson – und das am europäischen Kernforschungsinstitut Cern in Genf. Tagsüber arbeitet sie im Labor, in der Nacht schreibt sie ihren ersten Roman: "Der wundersame Mandarin".

Die dunkle Seite des Lebens

"Ich war 25, als ich dieses Buch schrieb und es hat die Richtung meines Schreibens bestimmt. Es ist eine Geschichte über Leere und Abwesenheit. Ich habe in dem Buch ein Bekenntnis abgelegt: Mir, beziehungsweise meiner Romanfigur fehlt ein Auge. Und deshalb ist die Sicht der Erzählerin eingeschränkt. Sie kann nicht die ganze Welt in all ihrer Schönheit betrachten. Ihr Blick fällt auf die dunkle Seite des Lebens, auf die Leere, den Mangel und die Finsternis."

Erdogan hat sich in ihrer literarischen und journalistischen Arbeit auch sehr entschieden gegen alle Formen der Unterdrückung ausgesprochen. Sie warnte schon früh vor dem wachsenden Autokratismus des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, prangerte die staatlichen Repressionen gegen Kurden an, gehörte mit zu den ersten Intellektuellen, die sich öffentlich bei den Armeniern für das erlittene Unrecht entschuldigten. Immer wieder hat sich Asli Erdogan von türkischen Nationalisten bedroht gefühlt und hat für längere Zeit im Ausland gelebt. "Mein Gefühl der Zugehörigkeit ist nicht sehr groß", sagt sie in einem Interview, "aber ich bin eine türkischsprachige Autorin. Das ist meine einzige Verbindung zur Türkei und gleichzeitig die tiefstmögliche: meine Sprache. In ihr lebe ich."

Dieser Tage wird im Penguin Verlag ihr Roman "Das Haus aus Stein" erstmals auf Deutsch erscheinen. Thema ist die Gefangenschaft und der Verlust aller Sicherheiten.

Service

Asli Erdogan

Bücher von Asli Erdogan:
"Haus aus Stein", Penguin Verlag, Februar 2019
"Nicht einmal das Schweigen gehört noch uns.", Essays, Knaus Verlag
"Die Stadt mit der roten Pelerine", Roman, Unionsverlag
"Der wundersame Mandarin", Edition Galata
"Holzvögel", Eine Erzählung, erschienen im gleichnamigen Band: Holzvögel, ÖNEL-Verlag

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