Schauspielerinnen auf der Bühne

MATTHIAS HESCHL

"Je suis Fassbinder" im Werk X

Radikales Gegenwartstheater, mit dem er bei rechten Gruppierungen aneckt - ist das Markenzeichen von Falk Richter. In seiner jüngsten Arbeit "Je suis Fassbinder" zieht er Parallelen zwischen dem vom RAF-Terror geprägten Herbst '77 und der aktuellen politischen Situation. Heute Abend ist die Österreich-Premiere im Werk X in Meidling, Regie führt Amina Gusner.

Kulturjournal | 03 05 2019
Katharina Menhofer

Mit der Ermordung von Hanns Martin Schleyer durch die RAF, der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" und den Selbstmorden der Baader-Meinhof-Gruppe in Stammheim erreichten die politischen Unruhen in Deutschland im Herbst 1977 ihren Höhepunkt. Der Deutsche Herbst 77 ging als eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik in die Geschichte ein, vor allem, weil er das Land spaltete. Neun führende Regisseure, darunter Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff oder Alexander Kluge setzten sich damals in dem Episodenfilm "Deutschland im Herbst" mit der gesellschaftlichen und politischen Stimmung im Land auseinander. Jetzt hat sich der Autor und Regisseur Falk Richter mit den Parallelen zwischen dem Herbst 77 und der derzeitigen gesellschaftlichen Stimmung in ganz Europa auseinandergesetzt und daraus das Stück "Je suis Fassbinder" gemacht.

Ein kleiner lieber Führer

Es ist eine der Schlüsselstellen des Filmes Deutschland im Herbst: Rainer Werner Fassbinder, der spätnachts am Küchentisch mit seiner Mutter, der Schauspielerin Liselotte Eder über die Ereignisse der Zeit diskutiert. Sie herausfordert mit seinen Fragen und ihr so die Stimme des Volkes entlockt. Darf man noch sagen, was man denkt, ohne in den Verdacht zu geraten mit den Terroristen zu sympathisieren, verdienen die RAF-Terroristen die Todesstrafe und ist Demokratie wirklich die bestmögliche aller Staatsformen? Nein, sagt die Mutter - sie sei das kleinste aller Übel. Und wünscht sich einen "autoritären Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich".

Diese Szene zwischen Mutter und Sohn - beide rauchend, sie im Leopardenmantel, blieb im Gedächtnis, und Falk Richter hat sich davon in "Je suis Fassbinder" inspirieren lassen. Denn ihr Wunsch nach einem ganz lieben, kleinen und ordentlichen Führer - sei heute wieder in vielen Ländern, so die Regisseurin Amina Gusner.

Angst als Motor der Populisten

Die Flüchtlingsbewegung, so Gusner habe enorme Ängste in Gang gesetzt, die sich Populisten zu Nutze machten, um die Welt zu vereinfachen. Fassbinder und Richter fordern ein differenziertes Denken ein und einen ebensolchen Umgang mit der Situation.

Szene aus Je suis Fassbinder

MATTHIAS HESCHL

Improvisationen zu Köln 2016

Wie soll und wie muss man als Mensch und als Künstler auf Umbruchsituationen reagieren, wie kann man Haltung zeigen? Auch das ist eine Frage, die Fassbinder und Richter über den zeitlichen Graben von 40 Jahren eint. Amina Gusner siedelt den Falk-Richter-Text in der Garderobe einer Schauspieltruppe an, wo die sich mit dem Thema der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2016 in Köln beschäftigt - man improvisiert darüber, rutscht aber immer wieder auch ins ganz Private ab und legt ungewollt die Strukturen innerhalb der Gruppe mit ihrem überforderten Regisseur frei, die zeigen, wie schwierig es ist Demokratie schon im ganz Kleinen zu leben.

"Demokratie ist ja eine wackelige Sache und man muss sich auch die Frage stellen: Was muss Demokratie zulassen? Muss sie auch die rechten Kräfte zulassen, die ein Ende der Demokratie wollen? Damit setzt sich diese Theatergruppe ungewollt auseinander", so Amina Gusner.

Dem Volk aufs Maul geschaut

Falk Richter hat dem Volk sozusagen "aufs Maul geschaut", Stammtischsprüche und Phrasen, Ängste und Vorurteile, Gegenargumente und Allgemeinplätze zusammengetragen und sie in "Je suis Fassbinder" auf die fünf Darsteller aufgeteilt. Die Musik von Andreas Dauböck bringt eine weitere Ebene ins Spiel.

Gefangen im Loop

Gefangen in einer Art musikalischen Loop ist auch der Text, den die Darsteller immer wieder wiederholen, neu einsprechen, abbrechen - die Kamera im Hintergrund. Der Wiederholungszwang sei gewisser Weise stückimmanent, denn es gehe darum, sich immer wieder zu fragen, wie reagieren wir denn auf das, was uns Angst macht, wie stellen wir Sicherheit wieder her, ist der Überwachungsstaat wirklich die Lösung?, so Gusner. Dieses Infragestellen sei das Ziel des Stückes und der Inszenierung.

"Je suis Fassbinder" ist ein beklemmendes, komisches und zum Nachdenken anregendes Stück über die Angst, die ja auch Fassbinders zentrales Thema war - die Angst vor dem Verlust der Sicherheit, vor der medialen Überforderung, vor der Veränderung. Es zeigt wie aktuelle politische Ereignisse ins ganz Persönliche greifen und dass sich, auch wenn es auf den ersten Blick nicht ganz offensichtlich ist, durchaus Parallelen herstellen lassen zwischen damals und heute. Denn schon 1977 wussten die Menschen, die in ihrer Angst nach einem starken Führer riefen, ganz genau, wohin so einer im schlimmsten Falle führen kann.

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