Alte Station in London

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Die Wolke des Humphrey Jennings" von Harald Friedl

Wer war Humphrey Jennings? Der Brite war einer der bedeutendsten Dokumentarfilmer, er drehte 1945 den Film "A Diary for Timothy" über den Zweiten Weltkrieg. Ausgehend von einem künstlerisch gestalteten Porträtfoto des englischen Berufskollegen, das einen attraktiven Mann aus den 1940er Jahren zeigt, erforscht der Wiener Autor und Filmregisseur Harald Friedl die Funktionsweisen der dokumentarischen Film- und Fotokunst. Die Ö1 Erstveröffentlichungsreihe "Kunstgeschichten" widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren. Redaktion: Edith-Ulla Gasser.

Harald Friedl

BARBARA NEUWIRTH

Harald Friedl, in Wien und Niederösterreich lebender Oberösterreicher des Jahrgangs 1958, ist Autor und Regisseur von Filmen wie "What Happiness is" oder "Aus der Zeit". Er ist auch Sänger und Gitarrist zum Beispiel der Musikformationen blaumarot und scheiblingseder sowie Librettist und Autor literarischer Texte. Der gemeinsame Nenner seiner drei Kunstrichtungen Film, Literatur und Musik ist für Harald Friedl das Erzählen von Geschichten. Anfang 2020 kommt sein neuer Dokumentarfilm "Brot" als österreichisch-deutsche Koproduktion in die Kinos.

London ist eine offene Stadt. Ich mag die Atmosphäre der Pubs, die Stimmung auf den Straßen, die Kunsträume, wo Wertvolles Bestand hat. Häuser der Kunst bezeugen, dass nicht alles den Entwertungen und Verlusten ausgesetzt ist und manches gegen die Wechselfälle der Zeit geschützt bleibt. Zerbrechliche Objekte, leicht brennbare Dinge, es ist erstaunlich, dass sie existieren. Sie haben Gewalt und Moden überlebt, weil es immer jemanden gab, der sich ihrer annahm. Fürsorge erfüllt die Atmosphäre der Museen und sie überträgt sich auf die Menschen, die sie besuchen. Sie fühlen sich behüteter und geschätzter als draußen.

Da die Kunst öffentlich zugänglich ist, gehört sie allen. In ihren Schutzräumen empfangen mich die Werke von William Turner, William Dyson und John Waterhouse, ich finde Porträts von Queen Elisabeth I. oder des Weltreisenden James Cook. Ich vertiefe mich in die Blicke von Mary Wollstonecraft-Shelley und Lord Byron, würdige Charles Dickens, Charles Darwin und Albert Schweitzer.

Oft schon bin ich in der National Portrait Gallery gewesen, trotzdem treffe ich dort immer wieder jemanden an, der mir neu ist. Dieses Mal einen Mann Mitte 30. Blond, schmales Gesicht, langer Hals, sinnliche Lippen, markante Nase. Er trägt Anzug, weißes Hemd und Krawatte. Vor seinem Gesicht schwebt eine Rauchwolke, die er soeben ausgeatmet haben dürfte, den Lungenzug einer Zigarette.
Der Rauch zieht Aufmerksamkeit auf sich. Der Mann auf dem Foto neigt den Oberkörper leicht nach hinten, er stützt sich mit dem linken Arm, der auf einem horizontalen Brett oder der Seitenwand einer Kiste liegt, leicht ab. Und doch wirkt er unentspannt. Auf der Info-Plakette steht: "Humphrey Jennings. Autor, Maler, Filmemacher. Gelatine-Silber Druck (39 mal 37 Zentimeter). Fotografie von Lee Miller, 1942."

Da ist keine Zigarette, auch keine Pfeife. Zwar könnte ihm jemand eine Zigarette aus der Hand genommen haben, bevor die Fotografin den Auslöser drückte, doch welchen Sinn hätte es, Zigarette oder Pfeife zu verbergen? Wäre der feine Strahl von den geschlossenen Lippen zur Wolke natürlich, würde sein Druck den unteren Teil der Wolke verblasen.

Das Bild zeigt keinen Mann, der raucht, sondern einen Mann und eine Rauchwolke. Sie ist ein Element, um das Porträt zu verfremden. Das Foto ist kein Schnappschuss, es ist präzise gestaltet - trotz des wie achtlos hingestellten Bretts im Hintergrund. Die Fotografin hat von links ein hartes Licht gesetzt und es gibt eine vertikale Begrenzung. Steht dort ein Objekt, wirft etwas einen Schatten? Der rechte Arm und die übereinander geschlagenen Knie sind abgeschnitten, die Wolke jedoch, die darüber schwebt, ist vollständig sichtbar. Sollte sie dem Bild Atmosphäre bringen, ein luftiges Element, dem Gesicht ein Gegenüber geben oder einfach das Dunkel aufhellen? Sollte sie etwas von der Verfassung des Mannes ausdrücken, eine Geschichte andeuten? Etwas beschäftigt ihn. Er sitzt nicht nur so da, um gut auszusehen.

Michael Dangl

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Michael Dangl, geboren 1968 in Salzburg, steht seit seinem vierten Lebensjahr auf der Bühne. Nach verschiedenen Engagements in Deutschland ist der beliebte Schauspieler, bekannt auch aus Fernsehserien und Radioproduktionen, seit mehr als zwei Jahrzehnten Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt.

Humphrey Jennings war ein erfolgreicher Filmemacher. 1907 wurde er in Walberswick, einem Ort an der ostenglischen Küste, geboren, der Vater, ein Architekt und die Mutter, eine Malerin, waren beide Sozialisten. Humphrey bekam ein Stipendium für Cambridge und galt an der Uni als extravagant. Freundinnen, Verwandte, Weggefährten erwähnten seine hagere Figur, grünliche Zähne und eine auffallend große Nase, den großen Adamsapfel und schönes Haar, das schwer zu bändigen war. Es hieß, er wäre oft am überkochen, immer wieder einmal knallte er Türen hinter sich zu. Freundinnen, Verwandte, Weggefährten beschreiben seinen Blick als kühl, seine Stimme hoch und dass sie rasch heiser wurde, wenn er sich aufregte. Er war pingelig, übertrieben selbstbewusst, ein Exzentriker, der nervte, weil er die Klappe nicht halten konnte. Einmal soll er gesagt haben, er hege keinen Zweifel, dass er geboren wurde, um berühmt zu werden. Die Menschen respektierten ihn zwar, doch anfreunden wollte sich niemand mit ihm. Der sportliche, intelligente und kunstsinnige Humphrey hätte eine glänzende akademische Karriere machen können, heißt es, doch da war Cecily, die er heiraten wollte. Er war gerade 22 und musste fortan Geld verdienen. Das versuchte er zuerst mit Kunst, doch das klappte nicht so recht.

Humphrey Jennings hatte das Glück, in einem anregenden Milieu zu verkehren. Der Künstler und Galerist Roland Penrose stellte 1936 die Erste Surrealismus-Ausstellung für London auf die Beine, und Humphrey Jennings half mit. Werke von Duchamp, Giacometti, Klee, Magritte, Miró, Picasso wurden gezeigt. Salvador Dali hielt einen Vortrag in einem Tiefseetauchanzug bei geschlossener Glocke, niemand verstand ein Wort. Humphrey Jennings stellte auch eigene Arbeiten aus, Gemälde, fotografische Kollagen. Seine Tochter erzählte später, er habe immer wieder allerlei ausprobiert. Schließlich auch das Medium Film, das er anfangs gering achtete, weil es ihm weniger schöpferisch als die anderen Künste erschien. Doch nicht nur verachtete er, er wurde auch verachtet, nämlich als Dilettant.

Doch bald fand er zu einem kreativen filmischen Ausdruck: Die Poesie des Alltags, die Skurrilität des Normalen, die Würde von Menschen, die einfache Dinge tun. "Spare Time" heißt sein Film von 1939. Er zeigt Arbeiterinnen und Arbeiter der Stahl-, Baumwoll- und Kohleindustrie in ihrer Freizeit. Sie gießen Pflanzen, gehen spazieren, unterhalten sich, werfen Darts im Pub, kochen, hören Radio, führen ihre Hunde aus, spielen Fußball und schließen Wetten ab. Bizarr ist die Szene mit einer Musikkapelle, die auf Kazoos, einfachen Instrumenten, in denen durch Ansingen eine Membran in Bewegung versetzt wird, "Rule Britannia" bläst. Der Mann mit dem Taktstock tänzelt erratisch, die Gruppe stoppt und hebt eine menschliche Britannia, die Verkörperung der Insel seit der Römerzeit, auf ein Podest. Dann wird weiter musiziert, woraufhin Bilder eines Tigers und eines Löwen im Käfig folgen sowie eine Sequenz, die einen Ringkampf zeigt. Ringer, Referee und Publikum sind allesamt Mitglieder der lokalen Arbeitervereine, so wie die jungen Frauen mit den Kazoos.

Manche von Jennings' artistisch-bourgeoisen Freunden fanden die Musizierenden und die Ringer peinlich und warfen dem Regisseur Zynismus vor. So wie ich ihn in der National Portrait Gallery sitzen sehe, könnte ihm Zynismus nicht fremd sein. Doch glaube ich kaum, dass Zynismus als Antrieb für einen Film genügen kann.

Die Fotografin Lee Miller und Humphrey Jennings kannten einander seit Jahren und hatten viel gemeinsam. Beide erzählten von Menschen im Krieg - sie in Fotoreportagen, er in Filmen. Ich nehme an, sie haben sich über Roland Penrose kennengelernt, den Mentor der Surrealismus-Ausstellung, an der Jennings mitgewirkt hatte. Miller war im Bundesstaat New York aufgewachsen, hatte Kunst studiert und als Model für das Magazin "Vogue" gearbeitet. Das wurde ihr langweilig, sie wechselte die Seiten, fotografierte Mode, Luxusartikel, Menschen. Auch darin fand sie keine Erfüllung, sie wollte kreativer werden und ging nach Paris in der Erwartung, der berühmte Man Ray würde sie als Schülerin nehmen. Man Ray lehnte ab, aber er verliebte sich in Lee Miller. Als seine Lebensgefährtin profitierte sie künstlerisch von ihm. Die private und berufliche Beziehung dauerte ein paar Jahre, dann verließ sie ihn, richtete sich ein eigenes Studio ein und entwickelte das fotografische Porträt zu ihrer eigenen Kunst. Pablo Picasso, Lilian Harvey, Charlie Chaplin, Yehudi Menuhin und viele andere Gefeierte der 1930er vertrauten sich ihr an. Ab 1942 dokumentierte sie den Krieg und die Stärke unscheinbarer Menschen. Serien über Frauen in der Kriegswirtschaft entstanden: Pilotinnen für Transportflüge, Frauen an Suchscheinwerfern zum Orten von Bombenflugzeugen, Feuerwehrfrauen, Bootsbauerinnen und Marinehelferinnen.

Der erste Kriegsfilm von Humphrey Jennings beginnt mit dem 3. September 1939. Er zeigt Kinder, die auf einer im letzten Krieg erbeuteten deutschen Kanone turnen und Menschen, die zur Kirche gehen. Aus dem Kabinett des Premierministers erklingt der Bericht, dass Deutschland das Ultimatum zum sofortigen Waffenstillstand in Polen verstreichen ließ und sich das Vereinigte Königreiches fortan im Kriegszustand mit Deutschland befinde. Besorgte Menschen reichen einander Tee und Jennings kommentiert: "Freundlichkeit ist zur Kriegsausrüstung der Londoner geworden."

Humphrey Jennings arbeitet für die Crown Film Unit im Ministerium für Information. Damit ist er eigentlich Propagandafilmer. Doch was er zeigt, das sind auch weiterhin Szenen eines Alltags, der bedroht ist. Eine Frau lässt er im Luftschutzbunker vor dem Eintreffen der Bomber sagen, "Wie ruhig es ist", worauf ein Mann ihr antwortet, "Ich hoffe, Hitler kann hören, was ich denke."

Die bedeutenden Kunstwerke der Museen werden in Sicherheit gebracht, nur leere Rahmen hängen noch an den Wänden der National Gallery. Kinder, Alte und Kranke werden aufs Land verschickt und eine Arbeiterin witzelt, dass offenbar erst ein Krieg ausbrechen musste, dass sie es endlich einmal so ruhig zu Hause hat. Schließlich kommt ein Bild, das mich an die Wolke vor Humphrey Jennings' Gesicht erinnert: Im Bahnhof fährt eine Dampflock los, die Soldaten zur Küste bringt. Sie stößt eine Rauchwolke in Richtung der Kamera aus, die das Bild weiß einfärbt.

Ein anderer Film, sein Titel ist "London can Take it!", beginnt in der Abenddämmerung. Die Londonerinnen und Londoner verlassen ihre zivilen Arbeitsstellungen und begeben sich kurz nach Hause, ehe sie ihre militärischen Stellungen einnehmen. Jennings erzählt von "nächtlichen Besuchern", die bald eintreffen. "Sie werden Häuser zerstören", sagt die Stimme, "sie werden Menschen töten - auch manche vielleicht, die in diesen Bildern zu sehen sind." Dann zeigt Jennings Londoner Sehenswürdigkeiten, zu denen man nur das Dröhnen der Bomber am Himmel hört.

"Listen to Britain", dieser Film von Humphrey Jennings stammt aus dem Jahr 1942: Sirenen zerreißen die Stille und Wände, die für die Ewigkeit gebaut waren, brechen ein. Ein Doppeldeckerbus lehnt hochgestellt an der Stirnseite eines Wohnhauses, als diene er der Fassade als Stütze. Dann kommt wieder ein Sonntag: Ein Vater versucht seinem Sohn das Boxen beizubringen, die Boxhandschuhe sind dem Jungen schwer, er kann die Arme kaum noch heben. Doch der Regisseur inszeniert die Szene so, dass der Vater einen Moment lang abgelenkt ist, sodass der Bub ihn doch einmal treffen kann. Baumkronen wiegen sich im Wind, Menschen klauben in den Feldern Obst, doch über ihnen fliegen statt der Zugvögel die Jagdflugzeuge Richtung Süden. Schließlich hört man den weltvertrauten Klang von Big Ben und eine Radiostimme, die sagt: "This is London Calling." Und aus den vielstimmigen Sprachen setzt sich eine durch: "Hier spricht England mit der Sendung für Österreich."

Einem Film, einem Drehbuch fehlen anfangs noch die Konturen. Die Suche nach einer stimmigen Form beginnt in einem so diffusen Raum wie dem einer Rauchwolke vor den Augen. Vielleicht hat Lee Miller die Wolke ins Bild gesetzt, um dem Blick des Humphrey Jennings Tiefe zu geben. So lange sie schwebt, bietet sie Zerstreuung. Wenn sie sich in Luft auflöst, kann Humphrey Jennings aufstehen und beim Weintrinken mit Lee Miller auf die gute Idee anstoßen.

Doch die beiden erzählen nicht nur vom Krieg, sie sind im Krieg. Im Juli 1944 folgt Lee Miller den Truppen an die Front. Sie dokumentiert den ersten Einsatz von Napalmbomben der Amerikaner in Saint Malo, macht Porträts von Maurice Chevalier, Marlene Dietrich, Fred Astaire, die zur Truppenbetreuung in Europa sind und fotografiert einen Belgier, der am Tag seiner Befreiung hätte exekutiert werden sollen. Zu ihren Reportagen gehören Glück und Unglück, Humor und Horror. Einen Soldaten, dessen Kopf der schweren Brandverletzungen wegen in einen dicken Verband gewickelt ist, fotografiert sie, weil er sie darum bittet. Er wollte sehen, wie komisch er aussah. Miller schreibt, "Es war ziemlich makaber und ich habe nicht richtig scharf gestellt". Der Mann starb später, vermerkte sie unter dem Foto, das wie alle anderen auch in der Zeitschrift "Vogue" erschien.

Am Tag der Befreiung von Paris trifft sie als erste Reporterin ein, begegnet ihrem Freund Jean Cocteau, fotografiert ihn und die Autorin Colette, der sie wie Humphrey Jennings ein Objekt ins Blickfeld stellt. Es ist keine Wolke, sondern eine Kristallkugel. Sie trifft Pablo Picasso wieder, und sie notiert: "Picasso und ich fielen einander in die Arme, und während wir abwechselnd lachten und weinten und er mich in den Hintern kniff, sahen wir uns Bilder an, die alle auf jene Tage datiert waren, in denen die Schlacht um Paris stattgefunden hatte." Sie zieht mit den Truppen weiter durch das Elsass, verbringt Wochen bei Eiseskälte an der Front. Es gibt ein Foto von ihr im Schützengraben, abgekämpft und dreckig, auf dem sie die Zähne zeigt, so als wolle sie drohen. Sie fotografiert den westlichen Brückenkopf der Hohenzollernbrücke in Köln, als das gegenüberliegende Ufer noch von deutschen Truppen gehalten wird, dokumentiert, was von Köln, Ludwigshafen und Frankfurt übrig ist, begleitet die Befreiung der Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Dort liegen 600 Leichen, weil fünf Tage zuvor in den Krematorien die Kohle ausgegangen ist. Während andere Fotografen wegen des Gestanks Distanz halten, geht Lee nahe heran. Nach Dachau erschien ihr die Front "wie eine Fata Morgana der Sauberkeit und Menschlichkeit".

Ungefähr zu dieser Zeit läuft der letzte Kriegsfilm von Humphrey Jennings in den britischen Kinos: "Ein Tagebuch für Timothy". Er beginnt mit der Geburt eines Kindes im Jahr 1944. Eine Männerstimme spricht zum Baby von der Welt, die es umgibt. Es habe Glück, sagt der Erzähler, in seinem Dorf herrsche Friede und es sei genug zu essen für alle da. Der Film verfolgt die Entwicklung des Kindes, während der Sprecher erzählt, was sich nah und fern ereignet. Ein Jahr vergeht. Verwundete dürfen das Spital verlassen, das Kind kann laufen, die Verdunkelung wird aufgehoben, Straßenbahnen fahren wieder regelmäßig. Der Krieg endet, man feiert, ein Paar küsst sich. Lee Miller fotografiert nun auch Nazis, die sich umbrachten, als die Amis kamen: den Leipziger Bürgermeister, seine Frau und Tochter, seine engsten Mitarbeiter.

Als Adolf Hitlers Tod bekannt wird, bewohnt Lee Miller die Wohnung des Diktators am Prinzregentenplatz in München und lässt sich von einem Freund und Kollegen fotografieren, wie sie sich in Hitlers Badewanne wäscht. Vor der Wanne hat sie ihre Militärstiefel hingestellt und hinter sich am Wannenrand ein Porträt des "Führers".

In Wien sieht sie verzweifelt zu, wie ein Baby stirbt, und schreibt in ihrer Reportage für die "Vogue", dass die seelische Niedergeschlagenheit der Kinder, die den Krieg überlebt haben, epidemische Ausmaße angenommen habe und ein noch größeres Problem darstelle als Unterernährung und Krankheit.

Humphrey Jennings war in England geblieben und schuf keinen großen Film mehr. Seine Kunst, die sich mit dem Krieg entwickelt hatte, erschöpfte sich mit seinem Ende. Jennings´ Tochter sagte über ihren Vater, sie wäre überzeugt, dass er nach dem Krieg eigentlich keine Filme mehr machen wollte. Ihm erging es wie England, auch er war kraftlos geworden aus Überanstrengung. Doch als er das Angebot erhielt, einen Film über die sich verbessernde gesundheitliche Lage in Europa zu drehen, nahm er an. Jennings reiste zu Recherchen in die Schweiz, nach Italien und Griechenland. An der Küste einer Insel vor dem Peloponnes stürzte er von den Klippen und starb.

Lee Miller war enttäuscht vom Frieden, weil die Welt noch immer voller Verbrecher war. Sie arbeitete weniger und fotografierte schließlich gar nicht mehr. Miller litt an schweren Depressionen, trank Alkohol im Übermaß, heiratete den alten Freund Roland Penrose und bekam ein Kind von ihm, Sohn Anthony, dem sie ihre Karriere als Fotografin verschwieg.

Nach ihrem Tod entdeckte Anthony 18 Kisten voller Fotos und Manuskripte seiner Mutter und lernte ihr Talent als Künstlerin kennen. Er bewunderte, wie sie die dokumentierende Kunst des Porträts mit einem Hauch von Geheimnis versehen hatte.

Grenzenlos ist die Wolke des Humphrey Jennings, in sich bewegt und durchsichtig vor dunklem Hintergrund; eine flüchtige Erscheinung in Auflösung. So wie sie schwebt, wurde sie zum Resonanzraum meiner Gedanken.

Ob sie auf Humphrey Jennings auch so wirkte, ob Lee Miller genau das beabsichtigte, ist ungewiss. Für mich jedenfalls, den Betrachter, ist sie zum Resonanzraum geworden - zu meiner Wolke.

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