Helena Zengel (Benni)

KINEO FILM/WEYDEMANN BROS./YUNUS ROY IMER

"Systemsprenger" von Nora Fingscheidt

Bei der diesjährigen Berlinale hat "Systemsprenger" zu den Überraschungsfilmen gezählt. Darin geht es um ein rabiates Kind, das trotz sämtlicher Sanktionsmaßnahmen nicht in den Griff zu kriegen ist. Ein Film, der in Erinnerung bleibt.

Mittagsjournal | 25 09 2019

David Baldinger

Michael Hanke hat einmal eine für ihn wesentliche Unterscheidung getroffen. Einerseits gebe es nämlich, den Konsum von klassischem Kino-Entertainment, so Handke. Andererseits gebe es aber eine Kategorie Film, die gar keine Zerstreuung hervorbringen soll - sondern Reibung. Filme, die hängen bleiben mit der kleinen Chance, Veränderung hervorzurufen. "Systemsprenger" ist so ein Film - alles andere als leichtes Entertainment.

Die Realität ist immer schlimmer

Lohnend aber jedenfalls in seiner konfrontativen Tonlage, mit der der Film ein Thema angeht, dem die Gesellschaft sonst nur ungern Raum gibt. Kinder im Dauer-Trotz, die das System zur emotionalen Überhitzung bringen. Kinder, die sämtliche sozialen Besserungseinrichtungen und alle, alle Betreuung-Varianten, die sich der Staat bisher ausgedacht hat, einfach auslachen.

Kulturjournal | 25 09 2019 | Regisseurin Fingscheidt im Gespräch

David Baldinger

Keine Pipilangstrumpf

"Benni ist aber keine Pipilangstrumpf", sagt Regisseurin Nora Fingscheidt. Sie hat auch das Drehbuch geschrieben. Nach Boulevard’s End und Synkope ist Systemsprenger Fingscheidts dritter Langfilm. Und er polarisiert. In einer frühen Kritik hieß es: "Systemsprenger ist (…) in der Wahl seiner filmischen Mittel überschwänglich, dramaturgisch mäandernd und zu lang, aber seine rohe und ungeschliffene Energie belebt den (...) behäbigen Berlinale-Wettbewerb."

Vor allem Helena Zengel als Benni drückt dem Ensemble und der Dynamik des Films ihren Stempel auf.

Vor allem Helena Zengel als Benni drückt dem Ensemble und der Dynamik des Films ihren Stempel auf.

KINEO FILM/WEYDEMANN BROS./YUNUS ROY IMER

Inspiration Frauenhaus

Fingscheidt hegte schon lange Wunsch, einen Film über ein wildes Mädchen zu drehen. Bis zu "Systemsprenger" fehlte ihr allerdings "die passende Geschichte". Die fand sie dann unerwartet während der Dreharbeiten in einem Frauenhaus. In dieser sozialen Begegnungszone zwischen Staat und Gesellschaft begann die thematische Fährte, die zu Benni und "Systemsprenger" führte.

Das schwierige Kind, das jedes Gutmenschlichkeitskonstrukt zum Einsturz bringt, wird hier frontal thematisiert. Die Beleuchtung der ob ihrer Mutterfreuden undankbare Frau brach das Tabu-Eis. Es scheint günstiger Wind zu sein für Projekte, die nicht die großen weltpolitischen Fragen stellen, sondern lieber solche, die näher daheim verortet sind. In der Familie. Das zeigt drastische Problemzonen, aber auch Perspektiven.

Zoom in die Sozialwelten

"Ich will nicht mit dem Finger auf das System zeigen, da wird gute Arbeit geleistet. Da schuften Menschen und geben alles. Es scheint mir aber auch problematisch, ein neunjähriges Kind so zu desillusionieren," sagt Nora Fingscheidt, die für diesen Film Erfahrungen aus erster Hand verarbeitete. Das Kino zoomt heran und hinein in die Familien-, und Sozialwelten 2019.

Ob wir das sehen wollen, liegt an uns. Die Auseinandersetzung jedenfalls lohnt sich.

Nicht nur in Österreich oder Deutschland. Letztlich ist der Film auch ein Aufruf, ein Appell an die Gelassenheit und an die Ruhe als verlässliche Größen um soliden Umgang mit Aggression, Gewalt, Hass und der destruktiven Grundtönung, die Politik und Gesellschaft seit einiger Zeit durchzieht. It’s sheer empathy, silly.

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