"Meditation" von Alexey von Jawlensky

GEMEINFREI

"bogen spur ein blick" von Semier Insayif

Wir erleben zwei Männer im Museum vor einem Bild des russischen Expressionisten Alexej von Jawlensky, der später in Deutschland lebte und dort zum Umfeld der Künstlergemeinschaft "Der blaue Reiter" zählte. Der eine der beiden philosophierenden Kunstbetrachter ist der Wiener Autor Semier Insayif, der andere der Cellist Martin Hornstein. Die Ö1 Erstveröffentlichungsreihe "Kunstgeschichten" widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren. Redaktion: Edith-Ulla Gasser.

"Große Malerei erzählt keine Geschichte, sondern macht eine tiefere Wahrheit sichtbar, die sich anderen Medien entzieht."
Wolfgang Hildesheimer

der, dessen gesicht zu boden gerichtet ist, wirft die wege seiner füße kleinweise schritt für schritt auf die erde, die wiederum ganz und gar mit papier bedeckt und daher ebenso in erwartung sind, sich als schwarze linien auf das papier zeichnend, mit kleinen weißen unterbrechungen, zu bezeichnen.

ein tag im märz. mit m im museum. ein meilenstein. schritt für schritt. schweigen. annähern. entfernen. innehalten. einatmen. seufzen. brummen. ausatmen. wispern. was ist ein blick? kann ein blick je einblick verschaffen? murmelt m. je ausblick auf etwas? setze ich fort. übersehen wir wesentliches, wenn wir übers sehen sprechen? übersehen wir das wesen des schauens an sich? das wesen des anschauens?

Semier Insayif

IAN EHM

Der irakischstämmige Autor Semier Insayif wurde 1965 in Wien geboren, wo er als Autor, Kulturmanager, systemischer Coach und Trainer für Transaktionsanalyse lebt. Nach mehreren Gedichtbänden und dem autobiografisch inspirierten Roman "Faruq" erschien zuletzt mit "mondasche" sein berührender literarischer Nachruf auf den Musikerfreund Martin Hornstein, der 2009 völlig überraschend im Alter von nur 55 Jahren starb. Auch die heutige "Kunstgeschichte" ist dem Andenken Martin Hornsteins gewidmet.

der, dessen gesicht die augen sind und dessen augen die fernen sind und weit vorne seine füße, also weit nach vorne gesetzt, weil schon weit voraus geworfen, riesenhaft, schritt um schritt, das papier fast überfliegend, sich als weißer strich, von schwarzen punkten oder tritten unter/brochen, am papier bewegt und davon bedeckt ist, ist ebenso in erwartung.

in erwartung fragt m. in welcher erwartung sind wir, wenn wir schauen? ist der blick ein rahmen? oder die erwartung? oder gar beides? und was ist eine frage? frage ich. was ist ihr wesen? ist die frage selbst schon ein rahmen? wer bestimmt den rahmen? oder anders gefragt, was rahmt den rahmen? ist der rahmen teil des bildes? frage ich. ist das bild das eigentliche ganze? ist das ganze bild teil des eigentlichen? also eigentlich seinem wesen nach immer ohne rahmen? oder gerade deshalb eben niemals rahmenlos? was ist das uneigentliche? ist es teil des bildes? teil des rahmens? oder außerhalb von ihm? oder ist das uneigentliche immer außerhalb seiner selbst? umspannt der rahmen das bild als ganzes? oder das ganze des bildes?

m legt sich auf eine besucher-bank. lässt seinen kopf etwas nach unten hängen und blickt richtung bild, gegen das weiß der wand. hängt das bild vom rahmen ab? oder der rahmen vom bild? oder beide einfach nur an einer wand? die sie trägt? die sie duldet? ist die wand der rahmen beider? oder ist sie beider boden? die wand also bodenlose frage? und der rahmen nur in seinem namen vollkommen? ganz offenbar im setzen eines musters als grenze? entwirft der rahmen im setzen einer grenze nichts anderes als sich selbst? ist die funktion des rahmens also das schaffen seiner existenz? seine existenz gleichzusetzen mit seiner funktion? und dies seine einzige bestimmung? das erschaffen seiner selbst? und nicht das trennen des bildes von seiner umgebung? von seiner natur? und was hieße denn eigentlich das trennen eines bildes von seiner natur? und was ist die natur eines bildes? vielleicht sein rahmen? und was bleibt von ihr ohne rahmen? wird ein ganzer teil durch seine umrahmung ein ganzes? und erst dadurch offen für sich selbst? wird ein ganzes bild nicht durch den rahmen erst ein teil? ist ein bild nicht dadurch erst teil seiner selbst?

ich schließe mein rechtes auge. m sein linkes. ist nicht gerade der abgeschlossene charakter eines rahmens das öffnen einer frage? ist der rahmen selbst schon die frage? wie breit, wie schmal, wie fest, wie weich, wie biegsam, glatt, wie musterreich, wie rau, wie scharf, wie kantig, rund, wie hitzig, kalt, wie spiegel bild und transparent, wie doppelt einfach … ist dein rahmen? was ragt aus deinem bild heraus? über seinen rahmen weit hinweg? und über dich? und dich hindurch? geschlüpft? aus ihm heraus? getropft? was ragt ins bild hinein? versteckt? von außen nach innen? und wann wenn nicht dann gleitet dein blick erst zentrifugal um sich kreisend um den kern jedes bildes und tief aus sich selbst von innen heraus und über und über gestülpt wird dein blick auf das bild dann dein bild? und dein blick auf den rahmen dein rahmen?

was ist die frage? ist dein blick nun dein bild von dem bild? ist dein blick jetzt der rahmen? die frage? und dadurch dein rahmen das bild? und das bild deines rahmens nun nichts als die frage des auges im blick seiner selbst? als winkel? gerade gesetzt? im jetzt? in der schiefe? als schleife? abgeschweift? und flucht. wir gehen weiter.

Markus Hering

JIM RAKETE

Der Burgtheater-Schauspieler Markus Hering, geboren 1960 im westfälischen Siegen, machte zunächst eine Tischlerlehre und arbeitete in der Forstwirtschaft. Erst später wandte er sich ganz dem Schauspielberuf zu. Hering spielte in zahllosen Filmen, seine markante Stimme steht im Mittelpunkt etlicher Hörbücher, und er ist mehrfacher Nestroy-Preisträger. Er spielte unter anderem am Staatstheater Kassel, am Schauspielhaus Wien, an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main und am Münchner Residenztheater. Im Burgtheater ist er aktuell unter anderem in Sally Potters Stück "The Party" zu sehen, und demnächst auch in einer modernen Bearbeitung der altisländischen "Edda".

der, dessen gesicht gegen den himmel gerichtet ist, dessen gesicht die augen sind und dessen augen die fernen sind, die fernen fernen, ja wenn nicht sogar die fernsten aller fernen, der also, und dies hat sich wohl abgezeichnet, oder anders gesagt, man hätte es sich auch ausmalen können, dass der, sich als weiße linie zeichnend, nämlich sich auf das papier abzeichnend, ununterbrochen mit diesem in entfernter verbindung steht, oder man könnte auch an dieser stelle sagen, dass dieser ganz und gar mit solchem bedeckt, ebenso in erwartung ist.

munch. sagt m. munchs madonna aus dem museum gestohlen. und der schrei. einmal unversehrt. das andere mal aus dem rahmen gerissen. verletzt. das original. aber wiedergefunden. was ist ein original? abgesehen von den vier variationen des munchschen schreies. was ist ein original? in der malerei? in der musik? in der literatur? munchs madonnenraub. als würde man eine original-partitur entwenden bevor sie vervielfältigt wurde. oder ein manuskript. oder einen entwurf eines gebäudes. welche luft atmet ein original? ist in der musik in der literatur dem original etwas abhandengekommen? wenn es nicht handschriftlich verfasst ist? das original. das momenthafte. unwiederholbare. schon in seiner erscheinung? das nichtmaschinelle. das nichtkopierbare. das nicht fassbare. ist nicht jedes original schon eine art kopie? und das eigentliche original immateriell? eben ausschließlich im kopf im herzen im körper gelegen? in den ohren? in den augen? auf der zunge? in händen und füßen? in fingern zehen und zähnen? überhaupt in allen zellen von haut und haar und sämtlichen inneren organen? oder liegt es immer schon in der luft? das sichtbare oder hörbare original ist immer ein versuch. eine materialisierte annäherung an das ideal des immateriellen ursprungs. als bild als klang als ton als rhythmus als wort als gedanke gedicht geruch geschichte berührung oder sonstnochwas. ist nicht jedes original schon immer existent? außerhalb jedes körpers? außerhalb jedes geistes? immer schon als angelegte möglichkeit? munch. sagt m. maler munchs manie. der schrei und madonna. in bernstein gegossene melancholie eines morbiden geistes in erwartung.

man wird sich also fragen in welcher erwartung. auf welchem papier, das wohlweislich schwarz mit weiß unterbrochen, selbst also ununterbrochen ganz, sich bedeckend, bezeichnet oder gar ausmalt. man könnte sich antworten, in erwartung von farbe, von farbe und flecken, in rot, sich das schwarz seiner spur ununterbrochen mit weiß bis ganz gelb oder blau zu beflecken und als strich sich ganz schwarz oder weiß, sich zur linie bewegend, bis auf grund aufzulaufen.

meditation. sagt m. sage ich. alles ist eine einzige meditation. meditation sage ich sagt m. ob wäsche waschen geschirr spülen trocknen cello spielen gemüse schneiden gedichte schreiben oder holz hacken. alles ist meditation. ein und aus atmen gehen sitzen liegen laufen stehen malen. meditation. ist alles meditation. wenn man es so sehen will. wenn man es so sehen kann. wenn man in der lage ist es so zu verstehen. so zu deuten. das leben. ist meditation. wenn man so will. jawlensky. sage ich. sagt m. alexej. sagt m. sage ich. wer es zuerst sagte. weiß ich nicht. ist ohne bedeutung. kennst du von diesen vielen bildern, die er meditation nannte, diese abstrakten köpfe, kennst du das eine? das eine unter diesen hunderten? genau dieses eine, das mich völlig in sein innerstes saugt. in seinen bann schlägt. mich einfach von innen nach außen zu absorbieren droht. wir blicken beide gegen eine weiße wand. meditation. neunzehnhundertvierunddreißig. öl auf leinenstrukturiertem malpapier. kleinformatig wie beinahe alle meditationen jawlenskys. etwa achtzehn mal dreizehn zentimeter. seine finger so versteift, dass er kaum mehr in der lage war den pinsel zu halten. deshalb nur noch dieses kleine format. durch diese krankheit kam er zu einer anderen form. er musste die andere hand die linke zu hilfe nehmen. er war gezwungen zu einer noch nie gewählten form und kleinheit. alles ist meditation. das kranksein. das versagen. selbst der tod ist vielleicht eine einzige langanhaltende meditation. eine nie endende. oder eine ohne anfang und ende.

"Meditation" von Alexey von Jawlensky

GEMEINFREI

man wird sich also fragen, in erwartung der antwort, in hoffnung ganz ohne ersichtlichen grund sich von diesem ab zu heben. als vorwand. allseitig bedeckt. so begreift man in schwarz oder weiß seinen hintergrund betretend, die spekulation all dessen, was als farbe ersichtlich zu verstehen sein kann und in erwartung, ja in hoffnung, diese zu kreuzen, zu tasten, wenn nicht sogar sich unterzumischen, sich unter die farben zu mischen, mit rot, gelb oder blau. all das fließt in dessen gesicht, in dessen augen und zuletzt auf das papier, das alle blicke so bedeckt hält, wie es gerade sich selbst als untergrund all seiner spekulationen entfaltet.

was für ein hypnotisches bild. diese geometrie. parallel geführte pinselstriche in denen sich schmalere linien abzeichnen, die durch noch feinere striche strukturiert sind. und die fasrige struktur des untergrundes und die spuren des pinsels. dieses auftauchen und verschwinden eines gesichtes. ein meditierendes ein schlafendes totengesicht. eine lebendige totenmaske. von dir. von mir. von uns allen. zwei horizontale pinselstriche. zwei schwarze auslassungen. die geschlossenen augen. das rechte vom betrachter aus, also das linke, scheint verbindung zu einem anderen schwarz zu haben. zu einer anderen schwarzen fläche durchzubrechen oder in sie auszulaufen. dadurch scheint die gesamte rechte also linke seite wegzubrechen, vom nicht existierenden schwarzen hintergrund absorbiert zu werden oder zu verschwinden. eine ruhige beunruhigung, die jeden nur denkbaren ausdruck in ihrer geschlossenen möglichkeitsform als geheimnis zu offenbaren scheint. oder ihre innere weite durch die verschlossenheit hindurchtransformiert. und betrachter und betrachterin ausmalen lässt was unausgesprochen eingeschrieben scheint. es ist ungeheuerlich. diese intensität einer abwesenden anwesenheit. sage ich. dieser anwesenden abwesenheit. sagt m. oder umgekehrt. oder wir beide gleichzeitig. diese dunkelheit der farbtönung. und dazwischen dieses leuchten. dieses fasernde leuchten. abgesehen von diesem grün. diesem rot. diesem blau. als farbfänger. in aller konzentrierten ferne saugt es dich hinein in die tiefen eines unbewegten blickes. einer nach innen offenen ewigkeit. diesmal ewigkeit als ewige zeitdauer? fragt m. frage ich. oder als gegenteil von zeit? der blick des betrachters rutscht tief in die schichten der pinselstruktur und verliert sich am blatt als strich und taucht ein in die welt ohne blick.

noch diesseits oder schon jenseits aller farben durchkreuzen spekulationen das papier, in erwartung schritt für schritt, als spur in schwarz oder weiß ununterbrochen sich abzeichnend oder ausmalend, um sich als linienspiel perspektivisch zu begreifen, strich für strich in einen klecks zu fallen, aus dem kein entrinnen mehr möglich scheint, nicht einmal als vordergründigste aller als möglich erscheinenden hypothesen.

im jahr neunzehnhundertfünfunddreißig erwarb ein musikstudent diese eine meditation neunzehnhundertvierunddreißig. stille. es ist eine art von stille. diese meditation. erzähle ich m. er erwarb sie um zwanzig dollar. mit einer anzahlung von einem dollar. einem einzigen dollar. sein name war john. dieses bild brachte john auf seine eigene spur. sage ich sagt m. es verhalf john - cage zu werden. und es verhalf cage - john zu bleiben. sagt m sage ich. wer oder was verhalf dir dir selbst zu begegnen? du selbst zu sein? man ist ja immer man selbst.

selbst wenn man versucht ein anderer zu sein. selbst wenn man sich am meisten zu verstecken versucht. ist man man selbst. da gibt es kein entrinnen. sage ich sagt m. und gleichzeitig sind wir nie nur wir selbst. wir sind immer auch viele andere. sagt m sage ich. die winterreise. sagt m. die winterreise. hat mich von damals ganz früh bis jetzt begleitet und mich mit mir konfrontiert. und mit meinem abstand zur welt und mit meinem abstand zu mir selbst. ganz zuerst also schuberts winterreise. und dann später die cellosuiten von bach. sie erzählen von der unmöglichkeit aller möglichkeiten. von der wahl einer einzigen und vom mord aller sonstigen möglichkeiten im selben moment. im selben augenblick. das auslöschen aller nichtgewählten schritte griffe töne klänge wege. der schmerz des verlustes von beinahe allem beim gewinn eines einzigen etwas.

du musst alles loslassen damit etwas ein einziges etwas möglich wird das letztlich vielleicht alles ist. unerträglich dieses bewusstsein des vielfachen sterbens bei einem einzigen lebendigwerden. nirgendwo ist das für mich so deutlich zu spüren wie in bachs cellosuiten. sagt m. sage ich. meditation. ist alles meditation. "Ich hab nichts zu sagen und ich sage es und das ist Poesie wie ich sie brauche." sage ich sagt m sagt cage. "Mehr und mehr haben wir das Gefühl daß ich nirgendwo hingelange. Silence. Vortrag über nichts " sagt cage sage ich sagt m. und noch etwas. die Große Meditation XXIII von neunzehnsechsunddreißig. eine von vielen meditationsvariationen. trägt den titel "Fuge in Blau und Rot". kennst du die? frage ich. sagt m. sagt cage. frag bach. "Die Bilder sind noch tiefer und geistiger, nur mit der Farbe gesprochen." sagt alexej. jawlensky schweigt. ich frage. m meditiert.

ist das weiß des blattes schon stille? frage ich m. oder ist das weiße blatt papier nur ein schweigen? antwortet m mit einer frage. oder ist das weiß des blattes eine art erinnerung an eine anwesende abwesenheit und somit gar ein schrei? ein erster? ein letzter? und müsste nicht sollte nicht jedes kunstwerk beides in sich tragen? stille und schrei?

noch diesseits oder schon jenseits vom bildrand in das zentrum gelockt, beschleunigen also alle gesichter, in denen augen sind, und in deren augen rundungen, und in deren rundungen erwartungen, die unverhofft zu farbflecken auf weißem papier gerinnen, sich entwickeln aus spekulationen, zu formen körperfremder spuren gezogen, bis dass sie endlich aus dem eigenen rahmen fallen und zusammentrocknen.

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