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William Melvin Kelley, "Ein anderer Takt"

William Melvin Kelleys Roman "Ein anderer Takt" ist das Buch des Monats Februar.

In diesem Roman, in dem es um die Rassentrennung geht, ist nichts schwarz-weiß. Der zu Unrecht vergessene afroamerikanische Autor William Melvin Kelley schrieb über ein zutiefst autobiografisches Thema mit einer menschlichen Reife, die staunen lässt, war er doch beim Erscheinen seines Debütromans 1962 erst 24 Jahre alt.

Ex libris | 19 01 2020

Gudrun Braunsperger

"Ein anderer Takt" ist ein Buch, von dem man heute noch oder vielmehr wieder lernen kann. Es handelt von sozialer Ungleichheit, deren Ursache eine vererbte und nicht gesühnte Schuld ist, von dem über Generationen weiterwirkenden Unrecht, das an der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas verübt wurde, von der maßlos tiefen sozialen Kluft zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, von der Macht der Gruppe und von der Ohnmacht des einzelnen.

Es ist ein Buch über die amerikanischen Südstaaten, wo bis weit ins 20. Jahrhundert hinein anders als im liberalen Norden eine strikte Rassentrennung aufrechterhalten wurde. Verbindungen zwischen der Welt der weißen Landherren und Pächtern und jener der ehemaligen Sklaven, die in diesem Text entsprechend dem im 20. Jahrhundert üblichen Sprachgebrauch Neger genannt werden, sind in diesem Roman ebenso berührend wie fragil, und sie haben in dieser Atmosphäre verkrusteter Ressentiments letztlich keine Chance.

"Ein anderer Takt", dieses große Werk amerikanischer Literatur, dessen eindringlicher und zugleich besonnener Ton mit hineinnimmt ins Geschehen, ist mit mehreren Jahrzehnten Verspätung nun endlich auch in deutscher Sprache zugänglich.

Service

William Melvin Kelley, "Ein anderer Takt", Roman, Übersetzung: Dirk van Gunsteren, Hoffmann und Campe Verlag, 304 Seiten
Originaltitel: "A Different Drummer"

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