Haare im Nacken, Buchausschnitt

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Inès Bayard über Folgen sexueller Gewalt

Mit ihrem Debütroman "Scham" sorgte die 1992 geborene Französin Inès Bayard in ihrem Heimatland für viel Aufsehen, aber auch für große Anerkennung. Der Roman über die seelischen und körperlichen Auswirkungen sexueller Gewalt ist nun in deutscher Übersetzung von Theresa Benkert erschienen.

Mittagsjournal | 18 02 2020

Judith Hoffmann

Die finale Katastrophe ereignet sich in den ersten Zeilen. Marie, gut situierte Bankangestellte Anfang 30, vergiftet sich, ihren Ehemann Laurent und den gemeinsamen kleinen Sohn Thomas. Inès Bayard: "Ich wollte keinen Thriller schreiben und keinen Spannungsbogen aufbauen. Deshalb habe ich mit dem Ende begonnen, da darf man sich erlauben, das Wichtigste zuerst aufs Tapet zu bringen und dann ganz unspannend die Geschichte zu entwickeln."

Aus dem Alltag gerissen

Es ist die Geschichte eines jungen Paares aus gutbürgerlichen Verhältnissen, wohlbehütet aufgewachsen, umgeben von allgegenwärtigem Lächeln, naiver Alltagsroutine und romantischer Anspruchslosigkeit. Bis Marie eines Abends von ihrem Vorgesetzten vergewaltigt und danach dermaßen eingeschüchtert wird, dass sie es nicht wagt, darüber zu sprechen.

"Ich kenne das Bankwesen, ich habe selbst zwei Jahre dort gearbeitet", sagt Inès Bayard. "Es ist ein Ort, an dem hierarchische Beziehungen über den körperlichen stehen. Maries Vergewaltiger ist auch ihr Vorgesetzter. Dieses Machtverhältnis auf mehreren Ebenen hat mich interessiert."

Kultivierte Stille

Ausgerechnet die heile Familie wird nach diesem Erlebnis zum Albtraum. Zu Maries Ekel gegenüber ihrem Peiniger und der Angst, ihr Kind könnte der Spross des Vergewaltigers sein, kommen die Abscheu vor dem ahnungslosen, unbekümmerten Ehemann, und die titelgebende Scham davor, sich jemandem anzuvertrauen.

"Das ist eine gutbürgerliche, wohlhabende Familie mit Hang zum Katholizismus, die vor allem die Stille kultiviert hat", sagt die Autorin. "Schwierigkeiten, Gewalt und Traumata werden in dieser Familie einfach ausgeblendet. In so einem Umfeld ist es für mich plausibel, dass niemand in der Lage ist, Marie zu helfen."

Einfaches wird komplex

Aus den anfangs kurzen, fast kindlich einfachen Sätzen werden nach der Gewalterfahrung immer längere, komplexere Konstruktionen, die Maries monatelange Gedankenspiralen formal widerspiegeln. Dutzende Möglichkeiten, sich selbst oder dem kleinen Wesen das Leben zu nehmen, dutzende Zufälle und Begegnungen, die sie jeweils im letzten Augenblick davon abhalten. So schreitet die Handlung immer eiliger auf das anfangs beschriebene Verbrechen zu.

"Mich faszinieren Figuren in absoluter Hilflosigkeit" Inès Bayard

Buchumschlag

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"Vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn sie sich jemandem geöffnet hätte. Aber so befindet sie sich in absoluter Hilflosigkeit. Solche Figuren faszinieren mich, und deshalb habe ich auch den Roman so konstruiert. Jede Möglichkeit, jedes Fenster, jeder Ausweg in die Freiheit bleibt versperrt. So habe ich mir diese Frau immer vorgestellt: als eine, die nicht entkommt", sagt die Autorin.

Unmittelbar und wuchtig

Bayards Debütroman "Scham" schaffte es in Frankreich auf die Longlist des renommierten Prix Goncourt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die deutsche Übersetzung der 1993 geborenen Theresa Benkert trägt wesentlich dazu bei, dass die Gefühlswelt der Protagonistin, aber auch die Reaktionen ihrer Umgebung beim Lesen derart unmittelbar und wuchtig unter die Haut gehen. Wesentliche Impulse für den Schreibbeginn gab die sogenannte "MeToo-Debatte" im Herbst 2017.

"Damals wurden die ersten Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe in Frankreich und den USA publik. Die Frau in meinem Roman ist gewissermaßen die Essenz all dieser Zeugenaussagen, eine Metapher für alles, was ich darüber gelesen, gesehen und gehört habe." Und ein eindrucksvolles Mahnmal gegen die verschlossenen Augen, abgewandten Köpfe und schweigenden Lippen einer nur scheinbar aufgeklärten Gesellschaft.

Service

Inès Bayard, "Scham", Roman, übersetzt von Theresa Benkert, Zsolnay-Verlag. Originaltitel: "Le malheur du bas"

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