Lisz Hirn

NIKOLAI FRIEDRICH

Podcast: Entspanntes Nichtstun in der Krise

Die österreichische Philosophin und Autorin Lisz Hirn hat vor kurzem ihren Podcast "Philosophieren mit Hirn" gestartet. Darin reflektiert sie vierzehntägig über verschiedenste gesellschaftspolitisch relevante Fragen. Wenige Tage vor den aktuell vorherrschenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Österreich hat sie darin über das Thema "Entspanntes Nichtstun" sinniert.

Philosophie raus aus dem Elfenbeinturm und rein in den Alltag - lautet das Motto des neuen Podcasts "Philosophieren mit Hirn" der österreichischen Philosophin Lisz Hirn. Das Format weicht für sie zwar von ihrer bisherigen Arbeitspraxis ab, Hirn sieht das Projekt aber als Chance angewandte Philosophie so mit möglichst vielen Menschen teilen zu können. Das "Experiment", so Hirn würde ihrem Verständnis von Philosophie entsprechen, nämlich einer Philosophie, die mit den Menschen in Kontakt ist und die Leute ins Philosophieren einbindet.

Und so geben die Hörerinnen und Hörer mit Fragen auch die Themen für den Podcast vor. In der jüngsten Folge sinnierte die Philosophin über ein Recht auf Faulheit und entspanntes Nichtstun. In Zeiten, in denen das öffentliche Leben praktisch stillsteht und große Teile der Bevölkerung viel Zeit zu Hause verbringen müssen, überaus passend.

Lange To-Do-Listen und 100 Netflix-Folgen

Doch Nichtstun scheint uns nicht sehr zu liegen. Die Philosophin nimmt wahr, dass viele sofort versuchen, diese neugewonnene Zeit zu verplanen und beispielsweise mit lange ausständigen Haushaltsaufgaben zu füllen. Das sei einerseits verständlich, weil die Menschen so versuchen würden das Chaos für sich zu ordnen, aber Lisz Hirn sieht in der aktuellen Situation auch eine Chance einmal tatsächlich nichts zu tun, sofern es neben Job, Kinderbetreuung oder ähnlichem überhaupt möglich sei. Aber man solle zumindest versuchen aus dem vorherrschenden Sinn-und-Zweck-Supremat auszubrechen und sich nicht sofort wieder neue Aufgaben auferlegen.

Sie rät auch dazu, sich in Sachen Unterhaltung keinen Stress zu machen, sondern einfach einmal Inne zu halten und sich wirklich der aktuellen Situation und seinen Gefühlen zu widmen. Nicht sofort mit zahlreichen Netflix-Folgen oder 50 Büchern, die schon lange auf der persönlichen Leseliste stehen für Ablenkung sorgen, sondern "sich einmal die Freiheit gönnen mit dieser Zeit vielleicht sogar verschwenderisch umzugehen", so die Philosophin weiter.

Nichtstun als Chance

Ohne die schwierige Lage beschönigen zu wollen, rät Lisz Hirn dazu trotz der Verunsicherung in der aktuellen Ausnahmesituation auch in dieser Zeit Positives für sich zu finden. Man solle den Genuss als Chance sehen, und dieses absichtliche und bewusste Nichtstun an die Spitze treiben und daraus Wert gewinnen. Man soll sich die Frage stellen, worum es einem im Leben geht und wofür man lebt. Ausschließlich für die Arbeit oder um tatsächlich gut zu leben. Die Philosophin betont, dass dieses "gute Leben" nicht erst dann stattfinden würde, wenn wir uns wieder in einer Art Normalzustand befinden würden, sondern immer, also auch in der Krise.

Außerdem birgt das tatsächliche Nichtstun in ihren Augen viel kreatives und schöpferisches Potential. Ruhe und Zeiten, in denen nichts passiert, in denen vielleicht sogar Langeweile auftritt, ein Zustand, der in unserer Gesellschaft oft gar nicht aufkommen darf, so Hirn, wurde in der Vergangenheit sehr geschätzt. Gerade in philosophischen Kreisen sei das als sehr wertvoll gesehen worden. Als ein Indikator, dass dann etwas passiert und aus dieser Not der Langeweile etwas geschaffen werden kann. Einerseits um das Gefühl der Langeweile zu überwinden, aber auch weil dadurch viel Denkpotential freigesetzt werden kann, so die Philosophin. All das funktioniere aber nur, wenn man sich der Faulheit und dem Nichtstun auch ohne schlechten Gewissen hingibt.

Text: Julia Sahlender

Service

Die nächste Folge von "Philosophieren mit Hirn" erscheint am 25. März, das Thema lautet "Achtung ansteckend - Darf ich panisch sein?" und betrachtet Ängste aus philosophischer Sicht.
Oh Wow - Philosophieren mit Hirn

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