Leichenbestatter im Schutzanzug

APA/HELMUT FOHRINGER

Sterben ohne Abschied - Angehörige in Corona-Zeiten

Rund 600 Menschen sind bisher in Österreich an Covid-19 gestorben - weitere 30 starben offiziell an Vorerkrankungen. Besonders hart für die Hinterbliebenen ist, dass sie sich nicht persönlich verabschieden konnten von ihren Vätern, Müttern oder Großeltern. Nur in Ausnahmefällen war das möglich. Drei Betroffene berichten nun, wie sie diesen "Tod ohne Abschied" erlebt haben.

Der Vater der Niederösterreicherin Anita Waltner wurde 89 Jahre alt. Er war rüstig, geistig fit und kümmerte sich bis zuletzt um seine kranke Frau. Doch Anfang März wird zunächst eine Enkelin krank - nach einem Schulschikurs in Salzburg, dann sechs weitere Familienmitglieder und schließlich der 89-Jährige selbst. Nach zweieinhalb Wochen Beatmung stirbt er im Landesklinikum Wiener Neustadt.

Das besonders Traurige für die Tochter: "Wir durften ihn gar nicht sehen - auch als er gestorben war. Also wir konnten uns nicht verabschieden, das finde ich ziemlich traurig."

Auch nach dem Tod durften wir den Vater nicht sehen.

Einen Trost gab es aber: "Wir haben ihm eine Nachricht zukommen lassen, ein Arzt hat ihm ins Ohr gesagt: Papa, bitte mach dir keine Sorgen, es wird alles gut. Ganz kurz darauf ist er verstorben. Für mich war das so, als hätte er dann gehen können."

Ein Sprecher der niederösterreichischen Landeskliniken schreibt: Bei tiefsedierten Patienten auf Intensivstationen gelte ein Besuchsverbot, zumal die Patienten nicht vom Besuch profitieren würden.

Ganze Familie hatte Covid-19 überstanden

Ein Besuch im Spital wäre nicht allzu gefährlich gewesen, glaubt die Niederösterreicherin. Denn heute weiß sie, dass alle Familienmitglieder Covid-19 hinter sich hatten. Aber sie wurden zunächst nicht getestet - trotz Symptomen und Anrufen bei 1450: "Da bekam ich dann zur Antwort: 'Naja, wenn Sie keine Atemnot haben, dann ist es ziemlich sicher nicht Corona.' So haben wir eben keine Tests bekommen. Erst als mein Papa im Sterben lag."

Vater und Sohn

privat

"Mein Vater war kein Corona-Toter"

Auch beim Altenpfleger Max Haider aus Linz mischen sich Trauer und Ärger. In der Zeitung stand, sein Vater sei der 56. Corona-Tote in Oberösterreich, aber Haider sagt: "Im Grunde genommen ist mein Vater kein Corona-Toter, einfach weil er an seiner Grunderkrankung gestorben ist. In dem Fall ein Lungenkrebs mit Metastasen in der Leber. Er ist nie an einem Sauerstoffgerät gehangen und das ärgert mich, dass er als Corona-Toter bezeichnet wird." Bei dem 72-jährigen Vater wurde Anfang des Jahres ein Tumor diagnostiziert. Eine Krankenschwester dürfte ihn dann bei der Chemotherapie mit Corona infiziert haben.

Eine Abschiedsbesuch im Schutzanzug

Weil die Krankenschwester Corona-positiv war, wurde auch Haiders Vater getestet - positiv. Und so war auch im Spital der Barmherzigen Schwestern in Linz wochenlang kein Besuch möglich aber Haider sagt: "Drei Stunden bevor er gestorben ist, hatte ich das Glück, die Möglichkeit, ihn im Krankenhaus besuchen zu dürfen. Ich habe einen Schutzanzug bekommen, Mundschutz, Brillen. Da habe ich mit ihm noch ein paar Worte sprechen können. Es waren nicht viele Worte, er war sediert. Aber ich bin froh, dass ich ihn noch einmal gesehen habe."

privat

Ansteckung im Krankenhaus?

Ein Abschiedsbesuch war dem Großvater der Wienerin Astrid Pintzinger nicht vergönnt. Der 96-Jährige kommt wegen eines Schwächeanfalls und einer Harnwegsinfektion ins Spital in Hietzing, erzählt sie, er wird zuerst zweimal negativ auf Corona getestet. "Dann am zehnten Tag zirka hat er hohes Fieber bekommen und ein dritter Corona-Test war dann positiv. Also vermutlich hat er sich im Zuge des Krankenhausaufenthalts angesteckt."

Das Sterben gehört zum Leben - ein Abschied auch

Das Sterben gehört zum Leben dazu, sagt die Enkelin, die Psychologin ist, aber, ob man sich verabschieden kann, mache einen Unterschied. "Das ist etwas, womit meine Oma sehr zu kämpfen hat, die 66 Jahre verheiratet war und sich dann eben nicht mehr verabschieden konnte, obwohl vorhersehbar war, dass es einen schweren Verlauf nimmt."

Laut Wiener Krankenanstaltenverbund bestand in dem Fall von Anfang an Covid-Verdacht, Besuche seien generell nur in Ausnahmefällen möglich.

Sterben in Zeiten von Corona ist tragisch für Sterbende und Angehörige, aber wohl auch eine Herausforderung für das Spitalspersonal.

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