Smartphone-Bildschirm mit Siri-Text

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Whistleblower kritisiert unautorisierte Siri-Datensammlung und Auswertung

Er habe täglich hunderte intime Aufnahmen von Apples Sprachassistentin Siri angehört und transkribiert, erzählt Thomas Le Bonniec. Er hat zwischen 13. Mai und 16. Juli 2019 beim damaligen Apple Subunternehmer Globe Technical Services in Irland gearbeitet, erzählt er im Interview mit Ö1 Digital.Leben. Bereits 2019 hatte Apples Audio-Auswertung durch externe Mitarbeiter für Schlagzeilen gesorgt. Heute wendet sich Le Bonniec mit einem offenen Brief an die europäischen Datenschutzbehörden. Sein Vorwurf: Apple werte die Sprachaufnahmen weiter ohne ausdrückliche Zustimmung der Nutzer aus.

Siri würde wieder mitlauschen, erzählt Thomas Le Bonniec. Daher breche er seine Geheimhaltungsvereinbarung, um die massive Privatsphäre-Verletzung von Millionen Menschen aufzuzeigen. Er habe Sprachaufnahmen auf Französisch von iPhones, Apple Watches und iPads angehört, abgetippt oder Transkripte korrigiert, um Siris Spracherkennung und Siris Dienste zu verbessern, erzählt er. Bereits vor einem Jahr hatte der Franzose dem Guardian anonym zugespielt, dass externe Apple-Mitarbeiter ohne explizite Zustimmung der Nutzer mitlauschen und Gespräche auswerten.

Siri zeichnet auch „unabsichtlich“ intime Gespräche auf

Er hörte gewollte Unterhaltungen mit Siri, erzählt Le Bonniec, aber auch Aufnahmen, bei denen Siri unabsichtlich aktiviert und intime Gespräche aufgezeichnet wurden - ohne Wissen und ohne Zustimmung der Nutzer.

Die Apple-Geräte nehmen demnach alles auf, erzählt Thomas Le Bonniec: „Personen im Umfeld, Namen, Adressen, Gespräche über Politik, Erkrankungen, Sex, Pornographie oder Drogen. Es gab auch andere Teams, die einzelne Worte in den Sprachaufnahmen markieren und sie mit den Nutzerdaten wie Kontakten oder Geodaten verlinkt haben."

Auf vielen iPad-Aufnahmen höre man Kinder und Jugendliche mit Siri wie mit einem Freund sprechen, so Le Bonniec: „Kinder, die Siri fragen, ob sie ihre Freundin sein möchte oder ihre Liebhaberin. Kinder wachsen mit diesen Geräten auf, und Apple entzieht sich hier jeglicher Verantwortung.“

Guardian enthüllte Siris Lauschen 2019

Als Thomas Le Bonniec auf einer Aufnahme hört, wie eine pädophile Person Siri ihre Phantasien beschreibt, ist eine Grenze für ihn überschritten, erzählt er im Gespräch mit Ö1. Von da an beginnt Le Bonniec seine Arbeit mit Screenshots zu dokumentieren. Dann kündigt er.

Im Juli 2019 enthüllt die britische Tageszeitung The Guardian erstmals, dass Siri mitlauscht und die Audiomitschnitte von Mitarbeitern ausgewertet werden. Apple entschuldigt sich und kündigt an, nicht mehr standardmäßig Sprachaufnahmen zu speichern. Nutzer müssten dem explizit zustimmen und könnten entscheiden, ob Apple-Mitarbeiter die Audioaufnahmen anhören. Apple verweist auch heute auf Ö1-Anfrage auf das Statement von August 2019 und auf vorgenommene Verbesserungen bei Siri bezüglich Schutz der Privatsphäre und Informationen zu Siris Datenschutz

Whistleblower: „Sprachauswertungen laufen weiter“

„Ich kann belegen, dass die Sprach-Auswertungen weiterlaufen. Apple soll zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt Le Bonniec, „es habe sich nichts geändert.“ Laut Le Bonniec würden die Projekte schon jahrelang laufen und jetzt wieder weitergehen, lediglich mit minimalen Änderungen.

Le Bonniec hofft, dass die europäischen Datenschutzbehörden aktiv werden und den Fall untersuchen. Das Datenausmaß sei enorm, sagt Le Bonniec, tausende ausgelagerte Mitarbeiter hatten dieselben Aufgaben, erzählt er und schätzt, dass Apple über zig Millionen Aufnahmen verfüge. „Firmen wie Apple glauben, dass sie über dem Gesetz stehen“, kritisiert Le Bonniec. Er hofft auf eine öffentliche Debatte, denn für ihn sei Apples Datensammelei mit dem NSA-Skandal vergleichbar.

EU-Datenschutz verletzt

„Die heutigen Enthüllungen zeigen, dass entgegen der Erklärung von Apple das Aufnehmen der Nutzerinnen nicht beendet wurde“, kritisiert die Datenschutzorganisation NOYB heute in einer Aussendung, „außerdem scheinen andere multinationale Tech-Firmen den gleichen Weg eingeschlagen zu haben.“ Die Datenschützer beanstanden auch, dass die zuständige irische Datenschutzkommission DPC seit Sommer 2019 keine Untersuchung eingeleitet habe. NOYB plant daher, eine Beschwerde gegen Apple einzureichen, dass seine Nutzer mit digitalen Assistenten aufzeichnet und europäische Datenschutzgesetze verletzt.

Text: Julia Gindl, Ö1 Wissenschaft