Lichtspiele

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Die Sinnsucher

Während der Monate des völligen oder teilweisen „Lockdowns“ haben selbst solche Menschen über den Sinn des Lebens nachgedacht, die das unter anderen Umständen nicht tun würden. Denn Einsamkeit, Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Zukunftsängste verbunden mit der Furcht vor dem Covid 19-Virus haben so manchen ins Grübeln gebracht und auf fundamentale Fragen zurückgeworfen.

Wissenschaftler/-innen und Sachbuchautor/-innen haben immer schon nach des Pudels Kern gesucht - nach dem was frei nach Goethe „die Welt im Innersten zusammenhält“:

Wie entsteht aus Biologie und Chemie unser Lebensentwurf? Wann brauchen wir Stress? Wie gelingt eine „hirngerechte“ Gesellschaft? Ist Talent wichtiger, oder Willenskraft? Gibt es einen Sinn in der Transzendenz, oder kann man auch so alles erreichen wenn man nur will?

"Das eigentlich wesentliche ist das Gefühl im Leben, und das braucht keinen Sinn."

Hans Otto Thomashoff

Hans-Otto Thomashoff

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Das gelungene Ich. Die vier Säulen der Hirnforschung für ein erfülltes Leben." So nannte Hans-Otto Thomashoff eines seiner Bücher. Der in Wien wirkende Psychiater, Psychoanalytiker und Psychotherapeut ist außerdem noch Kunsthistoriker und Naturphotograph. Er führt selbst ein wahrlich erfülltes Leben. Seine vier tragenden Säulen hat er sowohl aus der Hirnforschung als auch seiner psychotherapeutischen Praxis entwickelt. Das sind Beziehung, aktives Bewirken, gesunder Stresshaushalt und in dem Streben nach Stimmigkeit gesund und erfüllt unterwegs sein.

"In meiner Alltagserfahrung, in der Psychotherapie, kann ich deutlich erkennen, dass sich Menschen, die sich wohlfühlen, die erfüllt leben, keinen Sinn brauchen. Da ist das Leben selbst das Entscheidende. Einen Sinn sucht nur, wer eben nicht in den vier Säulen Beziehung, aktives Bewirken, gesunder Stresshaushalt und in dem Streben nach Stimmigkeit gesund und erfüllt unterwegs ist. Ein Sinn ist etwas sekundär geschaffenes, eine komplexe Denkarbeit des Gehirns."

Thomashoff hält ein Plädoyer für eine sanfte Revolution, die reines Leistungsdenken durch mehr Gefühl und Zuwendung ersetzen soll. Damit trifft er den Nerv einer anderen Autorin mit psychologischem Hintergrund.

"Glück sollt nicht das höchste erstrebenswerte Gut sein."

Christine Bauer-Jelinek

Christine Bauer-Jelinek

APA/GEORG HOCHMUTH

Christine Bauer-Jelinek ist Wirtschaftscoach und leitet das von ihre gegründete „Institut für Macht-Kompetenz". Eines ihrer letzten Bücher trägt den Titel „Machtwort. Angst, Wut und Ohnmacht überwinden. Besser denken und entscheiden. Schwierige Gespräche meistern." Man kann alles erreichen, wenn man nur will! - eine oft gehörte Redewendung. Ein tauglicher Weg zum Glück, ist sie aber nicht.

"Jetzt kommt der große, neue Trend: Arbeit mit Sinn. Das heißt, die Konzerne vermitteln vor allem den jungen Menschen, dass die Arbeit bei ihnen Sinn verspricht. Ich halte das für einen der größten Machtmissbrauchsvorfälle, die es in der letzten Zeit gegeben hat. Denn hier wird ein Lebensbereich, der ganz ins Private gehört, nämlich die Sinnsuche kommerzialisiert."

Glück, so Bauer Jelinek, sollte im Beruf und auch im Privaten nicht das höchste erstrebenswerte Gut sein, sondern vielmehr etwas anderes, das man Zufriedenheit nennt.

"Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst und du gibst dem Leben Sinn"

Wieviel Leid aber auch Glück ein Mensch im Lauf seines Lebens erfahren kann, versucht ein weiterer Autor zu ergründen. Andreas Salcher, promovierter Betriebswirt und ehemaliger Politiker leitet ein Beratungsunternehmen in Wien und versucht in seinen Büchern Philosophie mit Managementkonzepten zu vereinen.

„Das ganze Leben in einem Tag" heißt eines seiner Bücher, in dem er wie der Titel schon sagt, den Raster von 24 plus einer Stunde über das Leben des Menschen legt. Auch Salcher meint, den Sinn des Lebens im Leben selbst finden zu können, und auch er misst dem Leiden eine besondere Bedeutung zu.

"Wir dürfen nicht vergessen, Viktor Frankl hat seine Theorie vom Sinn des Lebens am dunkelsten Ort der Welt, nämlich in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, entwickelt. Dort hat er gesagt, sie können dir alles nehmen, aber was sie dir nicht nehmen können, ist, das du selbst in so einer Situation, einen Sinn findest um auch Morgen wieder aufzustehen. Für mich bedeutet das komprimiert: Du wirst deinen Sinn nicht in dir finden, du findest ihn nur wenn du hinaus gehst. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst und du gibst dem Leben Sinn."

Wie das Beispiel des Begründers von Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankl zeigt, dessen Maxime "Trotzdem ja zum Leben sagen" nicht von ungefähr kam. Das menschliche Leben in 24 plus eine Stunde einzuteilen dient dazu, den Lesern eine vertraute Struktur zu bieten- denn jede und jeder weiß, was ein Tag ist und hat zumindest eine vage Vorstellung davon, was zu einem gelungenen Tag gehört.

Wer das zwar auch nicht weiß, aber trotzdem viele Erklärungen hat ist Matthias Beck, promovierter Mediziner, Pharmazeut und katholischer Theologe und Professor für Moraltheologie an der Universität Wien.

" Die Frage ist: Was sollen wir positiv tun?"

In seinem Buch „Was uns frei macht." plädiert er für eine Spiritualität der Entfaltung auf der Basis einer positiven christlichen Ethik.

"Das Christentum ist keine Gesetzes-Religion, wir sind eine Beziehungs-Religion und das Christentum ist eine spirituelle Religion. Die Spiritualität geht mit der Ethik zusammen und sagt: Ich finde ihn mir etwas vor, was zu Entfaltung dränt. Wenn ich das auf eine reine Moral reduziere, in dem Sinne du darfst das nicht und das nicht, also eine negative Moral, dann haben wir das Christentum ruiniert."

„Mein Buch kommt direkt aus dem Leben. Mich hat immer geärgert, dass das Befreiende der Ethik zu wenig zu Wort kommt. Wir haben oft negative Aussagen: Du sollst das nicht tun, du sollst jenes nicht tun. Die Frage ist: Was sollen wir positiv tun? Wir sollen Frucht bringen, wir sollen mehr Frucht bringen; wir sollen vollkommen sein, wir sollen aus fünf Talenten zehn machen", sagt Matthias Beck.

"Das schönste Gefühl ist das Gefühl der Liebe"

Mit welchem Sinn auch immer wir unser Leben erfüllen, wollen wir es jedenfalls in Gesundheit führen. Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky prägte die sogenannte „Salutogenese", einen Weg, Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen. Die Psychotherapeutin und evangelische Theologen Rotraud Perner betreibt in Niederösterreich das Institut für Stressprophylaxe und Salutogenese.

Ihre Bücher „Die Überwindung der Ich-Sucht" und „Lieben. Über das schönste Gefühl der Welt-für Anfänger, Fortgeschrittene und Meister" sind ganz im Sinn jener Bedeutsamkeit geschrieben, die sie der Gedankenarbeit zumisst- unter anderem mit der bewussten Erinnerung an positiv erlebte Situationen.

„Es geht darum zu erkennen, wie wir, durch unsere Denkmuster unsere Gefühle bestimmen. Das kann ich positiv einsetzen, indem ich mir das Gefühl herbei hole das ich haben will. Und das schönste Gefühl ist das Gefühl der Liebe. Daher rate ich meinen Klienten und Klientinnen: Wenn sie in einer Beziehung sind, wo der Anfangsgrundton Liebe war, immer wieder an dieses Gefühl zu denken, damit man es immer wieder neu verankert“

Service

Christine Bauer-Jelinek, "Machtwort - Angst, Wut und Ohnmacht überwinden. Klarer denken und entscheiden. Widerstandskraft stärken.", Ueberreuter, Wien 2016

Matthias Beck, "Was uns frei macht. Für eine Spiritualität der Entfaltung", Styria, Wien-Graz 2018

Andreas Salcher, "Das ganze Leben in einem Tag", Ecowin, Salzburg 2018

Rotraud Perner, "Lieben. Über das schönste Gefühl der Welt-für Anfänger, Fortgeschrittene und Meister", Orac, Wien 2018

Hans Otto Thomashoff, "Das gelungene Ich. Die vier Säulen der Hirnforschung für ein erfülltes Leben.", Ariston, München 2017