Norman Hacker (Basilius, König von Polen) und Franz Pätzold (Sigismund, dessen Sohn).

BURGTHEATER/ANDREAS POHLMANN

"Das Leben ein Traum" am Burgtheater

Ein grausames Experiment mit dem Leben des eigenen Sohnes steht im Zentrum des Stückes "Das Leben ein Traum" des spanischen Dichters und Dramatikers Calderón de la Barca aus dem Jahr 1635, mit dem das Burgtheater am 11. September in die neue Saison startete. Direktor Martin Kusej inszeniert selbst, als Vater und Sohn sind Norman Hacker und Franz Pätzold zu sehen. Geschrieben im Dreißigjährigen Krieg thematisiert es auf sehr aktuelle Weise die Frage nach Schicksal und freiem Willen.

Mittagsjournal | 11 09 2020

Katharina Menhofer

Das Leben ist ein Traum. Jenes von Königssohn Sigismund ist ein Alptraum. Der eigene Vater - Polens König, hat ihn von Kindheit an in einen Turm gesperrt, von anderen Menschen und der Umwelt isoliert, weil er in den Sternen gelesen hat, dass sein Sohn kein guter Herrscher würde. Dann aber beschließt König Basilius ein Experiment - lässt Sigismund kostbar kleiden und setzt ihn als Herrscher ein.

Franz Pätzold (Sigismund) und Julia Riedler (Rosaura) im Hintergrund.

BURGTHEATER/ANDREAS POHLMANN

Ich bin nicht sicher, was ihr sonst gewohnt; jedoch wer frech wird oder langweilt oder stört, den mach ich tot.

Sigismund, der, kaum an der Macht gleich einen Mord begeht, wird zurück ins Gefängnis geworfen, durch einen Staatsstreich von Revolutionären aber wieder befreit und erneut zum König gemacht. Regisseur Martin Kusej: "Also ein kompletter Waschgang der Biografie, und diese Art von immer wieder kehrender Verunsicherung, die Frage, was ist Wahrheit, was ist Traum und was ist das Leben überhaupt, alles im Zusammenhang mit Gefangenheit mit Wahrnehmung von Wirklichkeit, ist natürlich ein sensationelles Betätigungsfeld für das Theater."

Mensch als kalte Machtmaschine

Als Besserungsstück oder Erziehungsstück, wie es Calderón und auch noch Grillparzer das Stück verstanden haben, sieht es Kusej aber nicht. Für ihn wird ein Individuum, dass durch eine schreckliche Traumwelt geschickt wird, nicht geläutert und am Schluss zu einem ordentlichen, guten Mitglied der Gesellschaft, sondern zur kalten Machtmaschine. Und da wären wir schon im Heute.

"Die kann man ja ruhig benennen: die heißen Trump, Bolsonaro und Victor Orban, und deshalb hat dieses Stück - obwohl es ein Märchen ist, trotz Versmaß und obwohl es in der Vergangenheit spielt - eine ganz wichtige und große politische Dimension", sagt Kusej.

Nicht mehr zu füllende Lücken ...

Und auch mit ganz simpler Psychologie kommt man dem Kern des Stückes näher: Dass nämlich seelische Grausamkeiten Folgen haben, dass man von Menschen, denen man die Menschenwürde nimmt, nicht humane Taten erwarten soll, dass versagte Elternliebe nicht mehr zu füllende Lücken hinterlässt.

Roland Koch (Clotald, Sigismunds Aufseher) und Julia Riedler (Rosaura).

Roland Koch (Clotald, Sigismunds Aufseher) und Julia Riedler (Rosaura)

BURGTHEATER/ANDREAS POHLMANN

Was ist Freiheit und wovon wird unser menschliches Handeln bestimmt - von der Politik, von manipulativen Kräften, von Algorithmen, vom Schicksal oder doch den Sternen? Gewohnt dunkel in der Ästhetik, mit feiner Figurenzeichnung, einer Portion Humor und Sprachwitz, einer trotz Versmaß klaren Sprache und mit einem Schauspielerteam in Höchstform startet Kusej mit seiner Eröffnungspremiere in die neue Saison. Die erste Burgtheater-Premiere unter Corona-Bedingungen ging mit viel Applaus zu Ende.

Das Burgtheater setzt auf einen "dynamischen Saalplan" mit jeweils einem freien Platz zwischen gemeinsamen Besuchergruppen. In dem Haus, das sonst einen Fassungsraum von 1.175 Sitzplätzen, 85 Stehplätzen und 12 Rollstuhlplätzen aufweist, waren nach Angaben des Theaters 691 Besucherinnen und Besucher bei der ersten Vorstellung einer Saison, deren Bedingungen sich rasch ändern können. Bereits ab 1. Oktober müssen die Masken, so die Corona-Ampel weiter auf gelb steht, auch während der Vorstellung aufbehalten werden.

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