Frau sitzt auf einer Bank

PAPRIKA FILMS

"Wir beide" - Tribut an die Liebe

Liebe und Sexualität im Alter, das ist ein Thema, über das in der Öffentlichkeit meist immer noch geschwiegen wird. Auch im französischen Film "Deux" sorgt dieses Schweigen für heftige Turbulenzen in der Beziehung zwischen zwei älteren Frauen.

Der 40-jährige, italienische Regisseur Filippo Meneghetti legt sein Spielfilmdebüt nicht primär als explizite Gesellschaftskritik an, sondern erzählt eine Beziehungstragödie mit den Mitteln des Genrekinos, vor allem mit den Spannungselementen eines Thrillers - eine gelungene Mischung.

Kulturjournal | 14 10 2020 - Filippo Meneghetti im Gespräch

Arnold Schnötzinger

Beim Sex schaltet die ungefähr 70-jährige Madeleine, genannt Mado (Martine Chevallier) das Licht aus. Die Beziehung zu ihrer gleichaltrigen Lebensgefährtin Nina (Barbara Sukowa) soll im Dunkeln bleiben. Gemeinsam und dennoch irgendwie getrennt, so geht das schon seit Jahren, denn offiziell - also vor allem vor Mados erwachsenen Kindern - ist Nina einfach nur die freundliche Nachbarin. Das soll sich ändern, als das Paar nach Rom ziehen will: Dafür muss Mado mit der Wahrheit rausrücken, doch irgendwie schafft sie es nicht.

Zwei Frauen

Martine Chevallier und Barbara Sukowa in der Tragikkomödie "Wir beide"

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"Etwas andere Bilder"

Immer mehr spitzt sich der Grundkonflikt zwischen den zwei unterschiedlichen Frauen zu: Madeleine, die zögerlich Ängstliche, Nina, die Impulsive, die diese homosexuelle Liebe im Alter offensiv leben will.

"Einer Gesellschaft, geprägt von Jugendkult und dem Wunsch nach perfekten Körpern, wollte ich mit etwas anderen Bilder begegnen", so der italienische Regisseur Filippo Meneghetti.

Mystery-Thriller

Doch mit einem Schlaganfall von Mado, der sie stumm und hilflos macht, beginnt das eigentliche Drama. Ein Wendepunkt, in dem die Tonart des Films eine völlig andere Richtung einschlägt. Anstelle einer melodramatischen Krankheitsgeschichte geraten die Qualen und Leiden der forschen Nina in den Mittelpunkt, hin und hergerissen in ihren Gefühlen zwischen Einsamkeit, Verzweiflung, Schuld und Sehnsucht.

Das Geheimnis - also dass niemand von dieser Liebe weiß - benutzt Regisseur Menghetti für einen Ausflug ins Feld des Mystery-Thrillers: der Blick durch den Türspion wird zur Obsession, ein schmuckloses Stiegenhaus als Raum für Fantasien und Projektionen, Lügen und Intrigen, subtile Machtkämpfe, ausgeklügelte Versteckspiele, schließlich kontinuierliche Irritationen auf der Tonspur.

Tabu als Trennwand

Meneghetti provoziert Gefühle, die auf das Herstellen von körperlicher Intimität abzielen, als Kontrast zu einem immer noch gesellschaftlichen Tabu. Wie eine unsichtbare Trennwand steht es zwischen den Liebenden.

Nicht nur die Vortragsweise des Films "Wir beide" zwischen Psychodrama, Thriller und Gesellschaftskritik ist ein Balanceakt, sondern eben auch diese Liebe selbst: So nahe und doch so fern.

Gestaltung

  • Arnold Schnötzinger

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