Roland Neuwirth

APA/HERBERT NEUBAUER

Des Schrammelkönigs "Winterreise"

Kein anderer hat in den vergangenen Jahrzehnten das Wienerlied so geprägt wie Roland Neuwirth. Mit seinen Extremschrammeln sorgte er für eine Renaissance des Genres bis vor vier Jahren plötzlich Schluss war.

Eine seltene Form von Epilepsie machte das Musikmachen unmöglich. Nun ist Neuwirth zurück. Für sein Quasi-Comeback-Album hat sich Roland Neuwirth mit Franz Schubert und dessen bekanntestem Liederzyklus, der "Winterreise", verabredet. Dafür übersetzte Neuwirth die Texte von Wilhelm Müller ins Wienerische. Florian Krumpöck nahm am Klavier Platz und gemeinsam erkundeten sie die Aktualität von Schuberts Zyklus.

Vielleicht sind ihm nicht alle Menschen z‘wider, aber so wie sich die Gesellschaft aktuell verhält, ist sie für Roland Neuwirth keine Heimat. "Ich fühle mich fremd", meint der Sänger. "Diese Verschandelung der Landschaft, dieses alles Zerbauen, da bin ich nicht daheim. Ich gehöre da nicht hin."

Reise in eine komplett kaputte Welt

Der Schrammelkönig, der sich einem Lied der "Winterreise" nähert. Wäre Veranstalter und Pianist Florian Krumpöck davon vor ein paar Jahren nicht so beeindruckt gewesen, es wäre wohl beim einmaligen Ausflug geblieben. So aber konnte Neuwirth vom Sinn der Übung überzeugt werden. Musikalisch bietet die "Winterreise" von überschwänglicher Freude bis hin zu hoffnungsloser Verzweiflung eine emotionale Hochschaubahn. "Was Schubert hier komponierte, war teils revolutionär, zeitlos und zugleich so aktuell. Diese Lieder wollen einfach neu vertextet werden. So ist es", schmunzelt der 70-Jährige.

Lieber Franzl, bitte bring mich nicht um, aber ich muss das tun!

Vielleicht sind ihm nicht alle Menschen z‘wider, aber so wie sich die Gesellschaft aktuell verhält, ist sie für Roland Neuwirth keine Heimat. "Ich fühle mich fremd", meint der Sänger. "Diese Verschandelung der Landschaft, dieses alles Zerbauen, da bin ich nicht daheim. Ich gehöre da nicht hin."

Neuwirths Wanderer ist Migrant

1828 wurde die "Winterreise" erstmals im Wiener Musikverein aufgeführt. 2020 meißelt Roland Neuwirth aus dem Müller’schen Textblock seine eigenen Wahrheiten. Handwerklich bleibt er manchmal nah am Original. "Gefrorene Tränen" ist ein solches Lied. "Wasserflut" geht einen anderen Weg - während Müller von Gräsern und weichem Schnee schreibt, erkundet Neuwirth was es bedeutet, abgelehnt zu werden, fremd zu sein. Sein Wanderer ist ein Migrant auf der Flucht, das Meer wird zu einem "feuchten, tiefen Massengrab".

Selbstporträt

Ein Jahr lang hat Neuwirth immer wieder an den Übersetzungen geschliffen, eine Zeit, in der die Winterreise auch ihn veränderte. "Es muss eine Reise zu mir selbst sein - sonst ist es nur angewandte Kunst und keine richtige. Ich schreibe nicht für jemand anderen, ich habe ja für mich geschrieben."

Der Reise vorangestellt ist ein Grußwort an deren Schöpfer. "Lieber Franzl, bitte bring mich nicht um, aber ich muss das tun!", schreibt Neuwirth im Booklet. Diese Winterreise ist auch ein Selbstporträt des Schrammlers durch Schuberts und Müllers Linse. Eine Auseinandersetzung Neuwirths mit Alter und Tod, die ihn erneut als geschmeidigen wie trotzigen Humanisten ausweist.

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