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"Apropos Casanova" von Miklos Szentkuthy

Der 1908 in Budapest geborene Miklos Szentkuthy war ein manischer Vielschreiber. Jetzt ist erstmals auf Deutsch ein Buch erschienen, das man als Einführung in den literarischen Kosmos dieses ungarischen Solitärs lesen kann.

Solch ein Buch habe ich noch nie gelesen. Solch ein Sturzbachgewitter, solch gewaltiges Hin- und Herfluten von Themen, Argumenten, Überlegungen eines ungemein eloquenten, ungemein gebildeten Geistes, der wie ein Solitär in das 20. Jahrhundert hineinragt und sich vor dem 18. verneigt. Denn in Rokoko und Klassizismus hat er einen Mann gefunden, der das eine menschliche Ideal verwirklichen konnte: nichts als das Glück zu suchen, es zu finden und sich ihm hinzugeben. Dieser Mann heißt Giacomo Casanova.

Miklós Szentkuthy kommentiert in "Apropos Casanova - Das Brevier des Heiligen Orpheus" den ersten Band von Casanovas "Geschichte meines Lebens" in 123 Kurz- und Kürzestessays. Nicht Satz für Satz oder Seite für Seite, dafür aber manchmal Wort für Wort, sofern er an ihnen "einfach nicht wortlos vorbeigehen kann": "Pantoffel" und "Tod" etwa. Eigentlich aber kann Szentkuthy an gar nichts wortlos vorbeigehen. Sein Vorbild, meint György Dalos im Nachwort, könnte die minutiöse Exegese des Römerbriefs von Paulus durch den Theologen Karl Barth gewesen sein. Sicher ist das "Brevier" der Humus, der Blüten wie das "Imre-Kertész-Wörterbuch" des Philosophen László Földenyi hervorgebracht hat.

Das Brevier des Heiligen Orpheus

Szentkurthy hält Casanova - "mitunter etwas gewaltsam stilisierend", wie er kokett zugibt - für den "Intellektuellen des 18. Jahrhunderts par excellence" - und dann wieder für die kindliche Verkörperung eines Klassizismus von "Leben-Liebe-Glück". Das namenlose Glück erreiche der Venezianer, indem er sich hingebe wie der antike Sänger Orpheus in der Unterwelt seiner Laute: nicht instinktiv, sondern mit "einer bis aufs Äußerste zugespitzten intellektuellen Erregung". Das ist natürlich eine höchst steile und eine höchst katholische These, und es bleibt nicht die einzige. Denn Szentkuthys Kommentar, für die es die Kenntnis von Casanovas "Geschichte meines Lebens" nicht braucht, ja, für die sie hinderlich sein könnte, ist ein - sagen wir: breiter Fluss. Er schwemmt allerlei mit sich von der 1939 verbreiteten Kritik an Moral und Psychologie, Lauheit und Heuchelei der Gegenwart. Oder an den "indiskreten Rüssel(n)", die die Romantik "in Gräber und Unterwelten" stecke. Doch nicht die Kritik, der Heilige Orpheus steht im Mittelpunkt.

Begriffe sind Nomaden

Ohnehin sollte man keinem Begriff, keinem Beweis im "Brevier" trauen. Sie alle sind Nomaden. Quicke Eloquenz führt den alten Rhetortrick der Zerlegung in Gegensätze behänd nur vor, um blendende, fast immer erstaunliche Schlussfolgerungen vorzutragen, fern von hinlänglich bekannten Konklusionen der Epoche. Der Mann ist Geist, die Frau Fleisch? Nein, Casanova, der "eingefleischte Rationalist", ist ein Mann der trockenen Knochen und die Frau vielerlei, manchmal gar ein Mann. Und die schwelgerische Aufzählung von Leibesfreuden, der Wein, die Gelage mit den Frauen? Nichts als Voraussetzungen von Liebeserfolgen, zudem naturalistisch zu verstehen, nicht symbolisch als "dionysisch" oder ähnliches. Casanova schätze eben das "einfache" Glück, zu dem auch die Frauen und die "wohlgespickte Börse" gehörten.

Einige schon damals unzeitgemäße und abstoßende Urteile sind für Szentkuthys Originalität notwendiges Ingrediens. Frauen müssten wie "sehr schöne Blumen und sehr schöne Bücher" behandelt werden, in der Liebe müsse immer einer dienen, der andere herrschen, und es sei "großartig, dass es im 18. Jahrhundert noch Sklavinnen gibt": "Wenn die Dienerin schon der Himmel ist, so muss die Sklavin doch der siebte Himmel sein."

"Geistige Versackgassung" oder "ethosschleimig"

31 Jahre alt war Szentkuthy, als das "Brevier" 1939 dank der vermögenden Ehefrau als erster von vier Bänden erschien. Davor hatte der Lehrer, der mit bürgerlichem Namen Pfisterer hieß, bereits einen 1200-seitigen Essayroman vorgelegt, der die staunende Kritik an Proust und Joyce denken ließ. Die Zensur des präfaschistischen Horthy-Regime schritt gegen den "Heiligen Orpheus" wegen vermeintlicher Obszönität ein. Das "Brevier" konnte erst 1973 wieder veröffentlicht werden, gefolgt von dann gleich neun Bänden, denen Szentkuthy nun jeweils die Vita eines Heiligen voranstellte.

Im vorliegenden "Apropos" ist die Hagiographie von grandseigneurialer Selbstironie: "Das Formulieren ging (dem Heiligen Alfonso) leicht von der Hand, doch korrigierte er nichts, gar nichts, Gedanke und Gefühl rieselten nur so aus ihm heraus, mal in einfachem Stil, mal in barockem, wie unaufhörlicher Schnee, doch hinter seiner Stilsicherheit wüteten Leidenschaft, Kummer und Freude in Bezug auf das Schicksal Gottes …" - und so geht das Zitat weiter und weiter, außerordentlich gut lesbar dank der Übersetzerin Timea Tanko, die den dahinrollenden Fluten Spitzlichter aufsetzt mit Wendungen wie "Tüddelkram der Moral", "zahncremefrisch", "geistige Versackgassung", "ethosschleimig", "Butzemann der Aufklärung".

Tagebuch und halbfiktionale Biografien

Szentkuthy, der bis zu seinem Tod 1988 außerdem noch ein etwa 100.000 Seiten umfassendes Tagebuch schrieb sowie halbfiktionale Biografien zu Goethe, Händel, Haydn, Mozart, Dürer, Brunelleschi, Luther und einigen anderen, liebte offenbar mehr als das stringente Argument das klingende. In der Mitte von "Apropos Casanova" schreibt er seitenlang begeistert über Tintoretto und Ariost, merkt dann trocken an, beide seien Gegenpositionen zu Casanova - und macht mit der Lektüre seines Ideals weiter. Gegen Ende mehren sich Zitate aus Werken von Abaelard und Andrew Marvell, und nur bei dem englischen Dichter des 17. Jahrhunderts merkt der Kommentator an, er setze jetzt "imaginäre Notizen" hinzu … Szentkuthy erfindet seinen Abaelard und seinen Marvell, so wie er einer venetianischen Kirche gleich fünf Kuppeln statt der mageren einen andichtet.

Eine elementare Freude am Maskenspiel, ein ungeheures Stilbewusstsein, eine mondäne Bildung machen den Reiz eines bereits zu seiner Zeit und heute erst recht vollkommen anachronistischen Unternehmens aus. Sein Impetus aber ist uns vertraut: von einem archimedischen Punkt aus die Welt neu zu ordnen. Und wie reizvoll ist es zu erproben, ob das mit Casanova gelingen kann!

Service

Miklós Szentkuthy, "Apropos Casanova - Das Brevier des Heiligen Orpheus", aus dem Ungarischen von Timea Tanko, mit einem Nachwort von György Dalos, Andere Bibliothek, Berlin 2020, 312 Seiten

Miklos Szentkuthy - Einstweilen nur auf Ungarisch

Gestaltung

  • Jörg Plath

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