Sona MacDonald und Tamim Fattal

PHILINE HOFMANN

Theater in der Josefstadt

"Rechnitz" von Elfriede Jelinek

Im Theater in der Josefstadt wird mit "Rechnitz (Der Würgeengel)" zum ersten Mal ein Stück von Elfriede Jelinek gezeigt. In dem Stück, das mit dem Mühlheimer Theaterpreis ausgezeichnet wurde und 2008 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, verhandelt Jelinek die Geschehnisse im März 1945, als auf dem burgenländischen Schloss der Gräfin Batthyany, 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter von Partygästen einer Nazi-Festgesellschaft erschossen wurden. Bis heute wird beim Kreuzstadel in Rechnitz nach dem Massengrab gesucht. Die deutsche Regisseurin Anna Bergmann führt Regie.

Es ist angerichtet - der Bühnendrehteller serviert im ersten Gang das Personal des schaurigen Abends: sechs glatzköpfige Figuren in Uniformen, Livreen, und Abendkleidern, puppenhaft abgehakt die Gestik, künstlich-übertrieben die Mimik.

Menschen mit Waffen.

PHILINE HOFMANN

"Mich interessiert immer wieder der Bruch und der Punkt, wo es wehtut", sagt Regisseurin Anna Bergmann, "und Komik, die man auf die Spitze treibt, die aber dann in etwas Grauenhaftes abdriftet."

"Man muss die Wunde offen halten"
Elfriede Jelinek

Grauenhaftes hat sich abgespielt auf dem Schloss der Gräfin Batthyany, in der Nacht zum 25. März 1945. An die besoffenen Partygäste, darunter ranghohe Nazioffiziere, wurden Waffen ausgeteilt, und 180 jüdische Zwangsarbeiter, die im nahegelegenen Kreuzstadl untergebracht waren, in einer großen Tötungsorgie erschossen.

Rechnitz

MORITZ SCHNELL

Boten berichten

Die Ungeheuerlichkeit dieses Geschehens puffert und filtert Jelinek, indem sie Boten davon berichten lässt, die in assoziativen Wortschwallen, widersprüchlich und bruchstückhaft, über Vergessen und Erinnern, Schuld und Sühne, Opfer und Täter schwadronieren: "Aber ich als Berichterstatter habe also diese Einstellungen für Sie bereits kalibriert, und Sie können sie von mir übernehmen, diese Einstellungen, wenn Sie wollen."

Ich als Berichterstatter habe diese Einstellungen für Sie bereits kalibriert

"Es ist sowohl der Täter, der spricht, dann wieder das Opfer; die Perspektiven wechseln innerhalb der Texte", so die Regisseurin. Die einzige Konstante bleibt die Gräfin selbst, die dargestellt von Sona MacDonald, als stumme, manchmal singende Gestalt durch alle Szenen geistert. "Sie sagt nix, sie bekennt sich nicht dazu. Hat sie gemordet? Hat sie nicht gemordet? Was ist das für ein Mensch? Ist das überhaupt ein Mensch?"

Musikalische Brücken zum Verschnaufen

Um dem Zuschauer eine Art Verschnaufpause zu gönnen, gliedert Bergmann die eingekürzten und konzentrierten Textmassen Jelineks einerseits durch musikalische Brücken, vom Kärntnerlied bis zum Deutschrock, die dem Zuschauer eine Art Verschnaufpause gönnen, andererseits durch verschiedene Schauplätze: durch unterschiedliche Orte, unterschiedliche Gesellschaften, durch Österreich heute.

Ein freies Österreich wird gewiss einmal geboren werden, aus der Asche erstehen. Aber derzeit sehe ich das noch nicht.

Sona MacDonald

PHILINE HOFMANN

Den Abschluss bildet ein starker Epilog, wenn Sona MacDonald Festkleidung, Perücke und schließlich auch die Glatze ablegt und man der Schauspielerin filmisch nach Rechnitz folgt, wo sie auf rund um die Ruinen des Kreuzstadls Steine aufsammelt und in einem jüdischen Gebetsschal auf die Bühne bringt.

Gegen das kollektive Verschweigen

Das Gesamtpaket aus Text, Musik und Bildern, aus Komik und Grauen, Subtilität und Drastik ist bei Bergmann ausgewogen, die von ihr hineingebrachte Struktur sorgt für Verständlichkeit. "Man muss die Wunde offenhalten", hat Jelinek über ihren eindringlichen Text gegen das kollektive Verschweigen und Verdrängen gesagt. Die Inszenierung in der Josefstadt trägt ihren Teil dazu bei.

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